Kategorie-Archiv: Ein Pferd namens Tari

25 Jahre Amir – oder Liebe allein genügt nicht zum glücklich werden

Ein Pferd steht unter einem Apfelbaum. Abseits. Allein.

Es kommt auf mich zu.
Unförmig ist er, zu grosser Bauch, wenig Muskeln, trauriger Blick.
Ich bin verliebt in ihn. Seit zwei Monaten, Gott weiss vielleicht warum, ich jedenfalls nicht. 

Es ist einfach so passiert, unvermittelt, sein Blick hat mich fasziniert, ich hatte eine Verbindung zu ihm gespürt, die mich umgehauen hat. 

Deshalb bin ich heute wieder hier, im Gestüt du Florival im Elsass. Ich will eigentlich kein zweites Pferd, schon gar keinen Araber und zu allerletzt einen Fuchs. 

Aber: ich kann nicht mehr ruhig schlafen seit dem Tag im März 1999, an dem ich ihm begegnet bin. 

Heute ich Pfingstsamstag 1999 und ich komme, um ihn nochmals zu sehen. Damit ich eine Entscheidung treffen kann. Die Entscheidung fällt: Ich kann ihn nicht da lassen. Nicht weil er schlecht gehalten wäre oder so. Es scheint einfach nicht richtig, mir kommen bei dem Gedanken die Tränen. Und ich hatte mich bis dahin für einen relativ rationalen Menschen gehalten. Hmmm. 

Der Züchter wird ihn am Pfingstmontag zu uns bringen, ich handle eine verlängerte Probezeit aus, weil er so abgelaufene Hufe hat – er war kürzlich auf einem Wanderritt – dass er sehr schlecht läuft. 

Der Tierarzt meines Vertrauens kommt zur Ankaufsuntersuchung. Positiv auf sämtliche Beugeproben. Also Röntgen. Ich lege mir vorher zurecht, dass ich ihn zurückbringe, wenn die Röntgenbilder zeigen sollten, dass er bereits kaputte Gelenke hat. Wenn es allerdings eine Chance gibt, dass er bei mir einigermassen gesund 20 werden kann, dann kaufe ich ihn. 

Er heisst zu dem Zeitpunkt noch IBSON du Florival, irgendwann hat sich bei uns der Name Amir eingebürgert, der Prinz. 

Die Röntgenbilder zeigen Chips bei allen Gelenken, die wir geröntgt haben. 

Der Tierarzt sagt: Es ist russisches Roulette, aber ja, es gibt einen Chance. Er würde allerdings abraten. 

 

 

Ibson bleibt bei mir. 

Zwei Monate später die Trennung von meinem Lebenspartner und dem Vater unserer beiden Söhne. 

Ich bin jetzt alleinerziehend, das Geld wird knapp. Für Ibson hatte ich ein Konto eingerichtet. Weil ich auch mit Ausbildungskosten gerechnet habe. 

Er geht zu Bettina Schürer in Ausbildung. Ich will ihn von meinem Gefühls-Schlamassel fernhalten. Es geht ihm nicht wirklich gut, er frisst zwar, nimmt aber nicht zu. 

Bald lerne ich Erwin, meinen jetzigen Mann kennen – bzw. lieben, denn gekannt haben wir uns bereits Jahre vorher. 

Bei einem Besuch bei Bettina und Ibson sehe ich ihn auf einer Weide stehen und sage, schau, da ist er ja. Erwin meint trocken: Ja, ich weiss, diese Krücke erkenne ich von Weitem. 

Er sieht echt mies aus. Erst mit der Zeit stellt sich heraus, dass IBSON psychisch ziemlich am Ende ist. Er hatte wohl als 5jähriger Hengst einen Unfall mit einem Auto, muss sehr hengstig gewesen sein, wurde daraufhin kastriert und wusste seither irgendwie nicht mehr so recht, wer er denn nun war. 

Das alles habe ich erst mit der Zeit verstanden. 

 

Nichts ist wie geplant

Bald wurde ich schwanger – völlig ungeplant. Ibson’s und meine Beziehung war auch nicht gerade das, was ich mir gewünscht hatte. Er war sehr sehr distanziert, erstarrte zu einem “Stück Holz” wenn er sich nicht wohl fühlte. 

Die Praktikantin bei Bettina, die vor allem mit ihm arbeitete meinte: Wenn Du dieses Pferd wirklich wirklich liebst, dann wirst Du eines Tages alles von ihm haben können. Wenn nicht, vergiss es gleich. 

Ich dachte, gut, ich liebe ihn ja. Sieht doch gut aus für uns.

Meine Liebe allein reichte nicht um unsere Herzen füreinander zu öffnen

Wohl konnte ich ihn reiten, longieren, und so weiter, das gewisse Etwas fehlte aber. Ich vertraute ihm nicht wirklich und er mir nicht. 

Die nächsten Jahre wurden so etwas wie ein “Durchhaltetest”. Ich überlegte, ihn zu verkaufen, konnte mich aber doch nicht dazu durchringen. Mit nunmehr 3 kleinen Kindern und als Selbstversorgerin im Stall war die Zeit für die gemeinsame Beschäftigung immer knapp. Oder die Ablenkung gross. Und ich fühlte mich unter Druck, ihn ausreichend zu bewegen. Dennoch, Weggeben war auch keine echte Option.

Heute würde ich es anders angehen. Sowas wie Freiarbeit mit Herz oder auch das Mutmach-Training von Christian Stahn , das in der SonnenPferd Connection gerade läuft oder andere Trainer die dieses Hinfühlen unterrichten (und da kenne ich mittlerweile zum Glück einige) hätten uns einander um Welten näher gebracht. Und er hätte sich endlich endlich öffnen können. Wir hätten uns uns gegenseitig öffnen können. 

Ich machte zwar Coachings mit ihm mit, zur Persönlichkeitsentwicklung, aber das war nicht das Richtige für uns. 

So musste der Ärmste warten, bis Lia, unsere Tochter, die aus der ungeplanten Schwangerschaft geschlüpft war, älter wurde. Und langsam langsam entstand zwischen den Beiden ein inniges Band. 

Lia hatte alle Zeit der Welt – während wir mit Stallarbeit beschäftigt waren, ging sie mit ihrem Amir, wie wir ihn in der Zwischenzeit rufen, spazieren. Fress-Spazieren. Ganz nach seinem Geschmack. 

Nie hätte ich gedacht, dass dieses temperamentvolle, auch mal unberechenbare Pferd ein Kinderpferd werden würde. War er ja auch nicht, er war einfach Lia’s Pferd. 

 

Ist er immernoch. 

Am 30. März ist er 25 geworden, Arthrosen machen ihm etwas zu schaffen. Aber er ist nach wie vor der souveräne Chef der gemischten Gruppe von rund 20 Pferden. Er hat jede Menge Sonderrechte. So was Betüddeln und Füttern angeht. Wie immer schon frisst er sehr langsam und braucht für sein Zusatzfutter dementsprechend lang. Er lässt es auch stehen, wenn er genug hat. Deswegen darf er zum Füttern rauskommen, wann immer er mag. Das wissen auch die Besitzer der Pensionspferde. Wenn der Herr also brummelnd ankommt, dann heisst das: 

Sehr schön, dass Du mich jetzt gleich rauslässt aus der Gruppe und mir Köstlichkeiten bringst. 

Wehe der Mensch kapiert nicht, dann erntet er einen sagenhaft empörten Blick. 

Unser Amir ist ein wundervolles Wesen, eine grosse Pferdepersönlichkeit. 

Und meine Liebe allein hat nicht genügt, um unsere Herzen aufzuschliessen, was es gebraucht hat war die hingebungsvolle Zuwendung. Ein intensives auf ihn Eingehen. 

Das ich vorher leider nicht gefunden habe. Lia als Kind hat diesen Schlüssel ohne grosse Anleitung einfach gehabt. Liebe, Zeit, Zuwendung, genaues Hinfühlen. 

Ich habe Amir vor bald 8 Jahren Lia geschenkt. Sie sorgt wunderbar für ihn, hat ihn auf verschiedenen Ebenen erfasst. Beim körperlichen Training brauchte sie Anleitung, auf der Herzebene nicht. 

Danke Amir, dass Du bei uns bist, und das nun schon seit 19 Jahren. Und schön, dass es doch noch geklappt hat mit dem gesehen werden und dem sich öffnen. Du Wunderbarer. 

Und bleib gerne noch lange lange.

 

Wut, Angst, Frustration – Emotionen im Umgang mit Pferden

Dies ist ein Gastartikel von Cornelia Schade. Entstanden ist er als Reaktion auf einen Austausch in der SonnenPferd Connection, dem Lern-Forum für ein neues Miteinander in der Pferdewelt. 

Emotionen bei der Arbeit mit Pferden

Gerade im Umgang mit Pferden ist es ein sehr wichtiges Thema, wie wir mit unseren Emotionen umgehen. Da geht es vor allem um die negativen Emotionen wie Angst und Wut. Häufig werden wir von Emotionen überrollt, sie kommen in uns hoch und übernehmen die Kontrolle. Bei positiven Emotionen wie Freude ist dies nicht schlimm. Im Gegenteil. Die Begeisterung überträgt sich auf unser Pferd und schafft Motivation und Verbindung. Aber Emotionen wie Angst und Wut stören die Arbeit. Wie können wir also damit umgehen?

Emotionen haben ihre Berechtigung

Zunächst einmal sollten wir uns Folgendes klar machen: Emotionen sind uns angeboren und haben eine wichtige biologische Funktion. Angst, Wut, Ekel, Freude bestimmen unser Zusammenleben und sorgen dafür, dass wir uns nicht in Gefahr bringen. Es ist überlebenswichtig, dass wir sofort auf eine Emotion reagieren, daher werden wir von ihnen so übermannt. Jede Emotion hat also ihre Berechtigung und durchaus eine positive Absicht. Dennoch stören sie uns oft, denn wir leben heute in einer Welt, in der wir unsere Emotionen zurückhalten müssen. Wir schlucken daher Ärger herunter oder schieben Angst zur Seite. Damit sind sie aber nicht wirklich weg, ihre Energie steckt immer noch in uns.

Pferde sind Energieleser

 

Jede Energie wird vom Pferd aufgenommen und übernommen, es reagiert darauf und spiegelt sie in seinem Verhalten wider. In der therapeutischen Arbeit und im Persönlichkeitstraining machen wir uns genau das zunutze. Aber wenn wir mit dem Pferd arbeiten möchten, uns etwas vorgenommen haben, ein Ziel verfolgen, dann wird durch dieses Spiegeln unserer Emotionen die Arbeit gestört, wenn es sich um Wut oder eine starke Angst handelt. Eine Kommunikation, so wie wir sie uns eigentlich wünschen, ist dann nicht mehr möglich. Denn dann starten wir im Fluchttier Pferd das Alarmprogramm. Wir müssen also einen Weg finden, wie wir mit negativen Emotionen so umgehen, dass sie nicht einfach nur zur Seite geschoben werden.

Voraussetzung für die Arbeit mit Pferden

Bevor wir überhaupt mit dem Pferd arbeiten, sollten wir also schon dafür sorgen, dass unsere nicht verarbeiteten Emotionen aus vorangegangen Situationen nicht die Arbeit beeinflussen können, indem wir uns mit ihnen auseinandersetzen. Dazu hier mal eine Möglichkeit, wie dies geschehen könnte:

  1. Achtsamkeit

Wir müssen lernen, bewusst wahrzunehmen, wenn eine Emotion in uns aufsteigt und in uns steckengeblieben ist. Dazu braucht es Achtsamkeit und ein in mich Hineinhören. Wir können uns vor der Begegnung mit dem Pferd eine kleine Pause gönnen, tief durchatmen, hineinspüren und fühlen, ob etwas hochkommt. Achtsam sein mit mir und dem Pferd sind für mich die Grundvoraussetzung für eine gute Verbindung und Beziehung zum Pferd.

  1. Anerkennen, was ist

Der zweite Schritt ist, diese Emotion als das zu erkennen, was sie ist. Sie ist eine Reaktion auf etwas, was passiert ist. Wir müssen herausfinden, welche Emotion überwiegt und wo sie herkommt. Wenn wir nun wissen, was da gerade warum in uns tobt, können wir diese Emotion annehmen und ihre positive Absicht würdigen. In den meisten Fällen möchten uns Emotionen schützen und vor etwas bewahren. Wenn wir dies anerkennen und würdigen, kämpfen wir nicht mehr gegen sie an, und wir können dann überlegen, ob wir diesen Schutz brauchen oder nicht. Können wir anders dafür sorgen? Ist unser biologisches Programm hier wirklich richtig eingeschaltet? Wenn ja, müssen wir natürlich gucken, wie wir weiter damit umgehen.

  1. Emotion einen ihren Raum geben oder ziehen lassen

Wenn wir merken, dass die Emotion eigentlich an eine andere Stelle gehört und eigentlich nichts mit dem Pferd zu tun hat, sollten wir gucken, ob das ein Thema ist, mit dem wir uns zu einer anderen Zeit beschäftigen sollten. Dann ist es hilfreich, sich einen festen Zeitpunkt vorzunehmen, am besten auch zu visualisieren, wie wir es uns z.B. auf der Couch gemütlich machen mit Zettel und Stift, eine Freundin anrufen, um mit ihr darüber zu reden etc.. Die verbleibenden Reste der Emotionen können wir jetzt verabschieden, indem wir uns bei der Emotion für die positive Absicht bedanken und sie ziehen lassen. Hierfür sind ebenfalls Bilder sehr hilfreich. Wenn wir uns visualisieren, wie wir die Emotion gehen lassen, kann unser Geist sie viel leichter loslassen. Vielleicht setzen wir sie in ein Papierboot und lassen dies auf einem Bach davonschwimmen? Oder sie schwebt mit einem Gasluftballon davon?

  1. Zurück im Hier und Jetzt

So befreit können wir nun an das Pferd herangehen. Wir können wieder zurück kommen in das Hier und Jetzt und für das Pferd da sein als Partner und bewusster Führer. Das Pferd wird uns zeigen, ob wir es wirklich geschafft haben, die Emotion ziehen zu lassen. Sehen wir an den Reaktionen des Pferdes, dass da immer noch was in unserer Verbindung nicht stimmt, dann sollten wir die Arbeit lieber beenden und an einem anderen Tag fortsetzen. Und das bitte ohne Frust, denn wir dürfen auch mit uns selbst wertschätzend umgehen.

Wir sind fühlende Wesen, und das Pferd erlaubt uns, genau das zu sein, was wir in unserer strukturierten, funktionierenden Welt nicht mehr sein können. Und vielleicht können wir sogar dankbar erkennen, welchen Gefallen uns das Pferd gerade getan hat, denn es hat uns unser Innerstes gezeigt und damit die Möglichkeit gegeben, innerlich zu heilen und zu wachsen.

Emotionen während der Arbeit

Wenn wir schon in der Arbeit mit dem Pferd sind und Emotionen hochkommen, können wir genau so wie oben vorgehen. Dabei sollten wir uns fragen, ob diese Emotion wirklich etwas mit dem Pferd zu tun hat oder das Pferd nur Auslöser war. Wenn das Pferd nicht das gewünschte Verhalten zeigt, wir uns sicher sind, dass es dies könnte (weil es uns verstanden hat und mental, physisch und emotional in der Lage dazu ist), und wir deshalb wütend werden, können wir uns fragen, was daran uns genau wütend macht. Angst vor Kontrollverlust? Ist es tatsächlich gerade gefährlich? Was könnte ich tun?

Oder werde ich wütend weil ich mich nicht respektiert fühle vom Pferd? Ist das wirklich so? 

Hier zeigt uns vielleicht das Pferd, dass noch etwas Altes in uns feststeckt.

 

Negative Energie verwandeln

In manchen Fällen, besonders, wenn es um das Thema Respekt vor den eigenen Grenzen geht, können wir die Energie der aufsteigende Wut auch nutzen. Hierbei ist wieder wichtig, die Wut erst bewusst wahrzunehmen und dann in etwas Positives zu verwandeln. Ich kann diese Energie nutzen, um meinen persönlichen Raum besser mit Energie zu füllen und somit dem Pferd meine Grenze besser zu verdeutlichen. Dabei sollte die Energie aber immer für mich, für meinen Raum und nicht gegen das Pferd gewendet werden.

Je öfter wir uns so mit uns selbst auseinandersetzen, umso besser wird es uns gelingen, Emotionen achtsam wahrzunehmen und zu verarbeiten. Und dann kann es passieren, dass wir, wenn wir ganz bei uns sind und auch negative Emotionen akzeptieren, ein Pferd neben uns finden, dass uns auffängt und Nähe schenkt, gerade in solchen Momenten. Denn das können sie auch, die Pferde. ?

 

Cornelia Schade, Februar 2018

 

https://mit-tieren-lernen.jimdo.com/

 

Danke Raphaël – was ich aus 10 Jahren mit meinem Traumpferd mitnehme

Hommage an meinen Goldprinzen

Auf den Tag genau 6 Monate ist es jetzt her, dass Raphaël völlig unvermittelt aus dem Leben gegangen ist.

Der Schock sitzt tief, noch immer. Und kürzlich haben mich Trauer und Verzweiflung nochmals eingeholt. Es lag Schnee und ich wollte einen der seltenen Ausritte in unberührtem Neuschnee machen.

Mit Noisette, einer Freibergerstute, die zwar nicht uns gehört, die ich aber sehr liebe.

Da überkam’s mich. Die Erinnerungen, die Vorstellungen, wie das jetzt wäre wenn  Raphaël noch da wäre wurden – übermächtig. Die Selbstverständlichkeit, die Kommunikation, die einfach funktioniert, das Vertrauen, dass ich in ihn habe. Wie wir durch den verschneiten Wald galoppiert wären und getrabt und geschritten und ich hätte seine Wärme gespürt und ich hätte vielleicht unser Lied gesungen, Something I need von One Republic  .

You’ve got something I need – If we got nothing we got us

Mit diesem Lied haben wir wunderbare Momente erlebt. Allerdings hatte ich den Refrain abgeändert in: “If we only live once, I wanna live with you”, weil ja schon klar war, dass er aller Wahrscheinlichkeit nach vor mir sterben würde. Aber mit 35 bitte, frühestens, nicht mit 11!

Spätenstens bei diesen Gedanken war ich nur noch am Heulen und es wurde mir klar, dass ich heute mit keinem anderen Pferd durch den verschneiten Wald würde ziehen können, weil ich nur an ihn dachte. Das schien mir Noisette gegenüber sehr unfair, ich war gar nicht im Stande, mich auf sie einzulassen.

Alle möglichen Bilder zogen wieder an meinem inneren Auge vorbei: das Foto von dem Fohlen, dass direkt in die Kamera geschaut hat und damit direkt in mein Herz. Wie wir ihn geholt hatten und auf die Fohlenweide gebracht und wie er zwar geguckt hat, aber bei mir geblieben ist, als gefühlte 100 Pferde an den Zaun gerannt kamen. Damals wusste ich: wir kriegen es hin zusammen.

Das erste Aufsitzen – Mann war ich nervös

Viele spezielle Momente kamen in meiner Erinnerung hoch, die meisten innig und schön – und doch:

wir hatten unsere Krisen

Von seiner Gangveranlagung und seinem Körpergefühl her war Raphaël so gar nicht das, was ich mir gewünscht hatte. Ich hätte ihn niemals verkauft deswegen, aber es war eine Weile lang doch so eine latente Unsicherheit auf beiden Seiten. Ist mit ihm alles in Ordnung? Wenn er sich manches Mal auf der Weide so unbeholfen bewegt hat und die anderen neben ihm leichtfüssig gehüpft sind, dann tat mir das fast weh.

Als Jungpferd – das ja in anspruchsvollem Gelände in der Gruppe aufgewachsen war – hat er es kaum geschafft über eine Stange zu gehen, ohne die Hufe anzuschlagen. Schwierig für mich und für ihn. Er hat das natürlich gespürt, sensibel wie er war.

Ich bin dann dazu übergegangen, ihm jeden Tag wenn ich ihn gesehen habe, mindestens einmal etwas zu sagen, das ich an ihm besonders schätze, schön finde, liebe.

Das reichte von: “Du siehst wiedermal wunderschön aus heute” über “Danke, dass Du mich darin unterstützt, dieses noch ungestüme Handpferd XY mitzunehmen – es tut mir leid, dass ich mich deshalb nicht ganz auf Dich konzentrieren kann. Morgen holen wir das nach” bis zu “wie Deine Kronränder golden glitzern ist umwerfend” und “ich hab Dich lieb, genau so wie Du bist”. Und so weiter.

Das schult den Blick fürs Positive und ich habe damit auch mir täglich klar gemacht, was für ein wundervolles Geschenk ich da an meiner Seite habe.

Und dennoch: Einmal haben wir eine gründliche Neuorientierung gebraucht 

Mit 6 Jahren hat Raphaël ein Überbein entwickelt am linken Vorderbein direkt unterhalb des Vorderfusswurzelgelenks. Er hat nicht gelahmt aber bei mir gingen die Alarmglocken. Da stimmt was nicht. Ja, er hatte vorne eine leichte Fehlstellung und die Hufe haben das auch ganz klar gezeigt wurden immer wieder entsprechend korrigiert. Ich habe also mit dem Hufpfleger unseres Vertrauens gesprochen, ob wir was ändern müssten/könnten. Habe einmal mehr mit den Therapeuten und der homöopathischen Tierärztin gesprochen. Er hatte ein sehr weiches Bindegewebe. Hmmm.

Ich wusste ganz tief in mir:

Jetzt muss ich irgendwas ändern. Bloss was?

Viele Gedanken, viele Gefühle. Irgendwie war mir klar, dass es nicht nur mit Raphaël sondern auch mit mir zu tun hatte.

Schliesslich wurde klar: Ich würde Raphaël für einige Zeit gar nicht und dann anschliessend nur noch selbst reiten und bewegen. Neben der Sorge um seine Gesundheit ging es dabei auch darum, dass ich ihn “für mich” haben wollte, “uns für uns” besser gesagt. Dass ich ihm die Priorität einräumen wollte, die er tatsächlich in meinem Herzen immer hatte, nur im Alltag oft nicht. Weil er ja so problemlos war. Jeder konnte mit ihm irgendwas machen. Und dabei drohte unser Gemeinsames unterzugehen. Und ich mistete den Stall während jemand anders mit Raphaël im Gelände war. Nein, ich wollte Zeit mit ihm verbringen.

Du kannst Dir wahrscheinlich nicht vorstellen, wie froh ich heute bin, dass ich damals diese Entscheidung getroffen habe. Die Zeit vergeht, ich bin wirklich ein Mensch, der gerne und vieles teilt. Raphaël wollte ich zumindest für eine gewisse Zeit nicht mehr teilen.

Diese Zeit hat unsere Beziehung nochmals auf eine andere Basis gestellt. Ich habe mit ihm angefangen, Dinge zu leben, die ich vorher mit keinem Pferd konnte. Unbeschwert, ja geradezu kindlich, singend und pfeifend und ohne Sattel mit ihm spaziert oder geritten. Und ja, genau auch an Tagen an denen wenig Zeit war. Für einen halbe Stunde Raphaël musste Zeit sein. Daneben haben wir auch “ernsthaft” geübt, aber nie zu ernsthaft. Raphaël war eh schon ziemlich ernst von ganz alleine.

Später hat er auch wieder andere Reiter getragen – und ich glaube, sogar gerne.

Aber dieses Spezielle zwischen uns habe ich dennoch hochgehalten. Ganz bewusst.

Und so kann ich heute auf eine viel zu kurze aber dennoch sehr erfüllende gemeinsame Zeit zurückblicken. Und das bringt mich trotz allem in Frieden damit wie es nun mal einfach ist:

Ich muss ohne ihn weiterleben.

Ich nehme mit, dass ich “dank” des Überbeins (Ganglion), das übrigens nach ca. 3 Jahren wieder verschwunden ist, eine Zeit der Besinnung erlebt habe, die uns schlussendlich viel weiter gebracht hat. Nicht höher schneller weiter. Mehr tiefer als weiter genaugenommen. Mein Grosser. Und schon wieder fliessen sie, die Tränen…

Ich nehme mit, dass zwar gewisse Dinge immer gleich sind zwischen Mensch und Pferd, und andere völlig individuell.

Und ich nehme mit, dass ich nie wieder anders mit einem meiner Pferde zusammen sein will – weil irgendwann kommt der Tag, und dann möchte ich nicht dasitzen und denken, dass ich es zwar gewusst habe, aber nicht den Mut hatte, den für uns passenden Weg auszuloten.

Mein erster Online – Kurs – ein indirektes Vermächtnis von Raphaël

Und jetzt habe ich meine Erkenntnisse in meinem ersten Online – Kurs zusammengebracht, ohne Raphaël wäre mir das wohl nie so bewusst geworden.

Wissenschaftliche Erkenntnisse – konkrete Übungsanleitungen und dann daraus abgeleitet die passende Umsetzung für Dich und Dein Pferd.

Falls Dich das interessiert: Hier gehts zu weiteren Informationen zum Kurs.

Wenn Du Gott amüsieren willst, dann mache einen Plan

Emeraude Siglavy Elf und Epi Favory Elfes – genannt Tari

Eigentlich wollte ich mich entlasten, mehr Zeit haben für den Aufbau meiner Selbstständigkeit, Entlastung in Haushalt und Stall.

Weil mein mittlerer Sohn Jan in eine eigene Wohnung gezogen war, hatten wir ein freies Zimmer und ich kam auf die Idee, eine Praktikantin zu suchen. Den halben Tag würde sie sich in Haushalt und Garten nützlich machen können, den anderen halben Tag bei den Pferden. Soweit der Plan.

Für die Praktikantinnen-Stelle bewarb sich ein junges Mädchen; sie war mir auf Anhieb sehr sympathisch. Von Pferden hatte sie zwar noch nicht viel Ahnung aber sie war ihnen offensichtlich sehr zugetan, den Hunden ebenfalls – und anpacken konnte sie auch.

Sie sprach offen darüber, dass sie eine Borderline-Diagnose habe und die meiste Zeit – seit ihrem 12. Geburtstag – in psychiatrischen Einrichtungen gewesen war. Jetzt gehe es ihr aber besser, und der Kontakt zu Tieren, die frische Luft und die körperliche Arbeit tue ihr gut. Selbstverständlich hatte sie psychiatrische Betreuung.

Wir vereinbarten einen Monat Probezeit mit Andrea.Im Februar kam sie und ich schloss sie rasch in mein Herz. Ihre Arbeit machte sie gut, ich genoss es, mit ihr zu sprechen. Sie war sehr aufgeweckt und wir schmiedeten Pläne.

Glück mit Pferden

Andrea liebte die Pferde und vor allem unseren älteren Lipizzaner „Orion“. Reiten lernte sie im Nu – ich war sehr erstaunt über diese Begabung. Bald fragte Andrea mich, ob sie für ein spezielles Pferd – bei uns auf der Weide stehen rund 30 Pferde – Verantwortung übernehmen dürfe. Ich dachte sofort, dass dies eine gute Idee sei, allerdings waren unsere eigenen Pferde durchweg alle dafür nicht geeignet. Sei es, dass es das Herzenspferd von mir, meinem Mann oder unserer Tochter ist – oder aber von ihrer Persönlichkeit her zu schwierig für eine Anfängerin, wie Andrea.

Die Seite auf Facebook, „Schlachthaus der Lipizzaner“, hatte ich natürlich schon lange entdeckt. Aber man kann ja nicht überall Pferde retten… Es gibt Tausende, für die es sich lohnte. Dennoch ließ es mir keine Ruhe und ich „musste“ seit Dezember 2014 immer wieder die Bilder dort anschauen.

Nun entstand in meinem Kopf die Idee, dass so ein Fohlen vielleicht das Richtige für Andrea wäre. Sie könnte es pflegen und ihm das kleine Einmaleins für junge Pferde näher bringen und bis es groß wäre, würden wir wissen, ob Andrea der Aufgabe überhaupt gewachsen wäre und ob dieses Pferd dann auch zu ihr passte.

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Trauer um ein Pferd – und Fragen an das Leben

Ein “schwarzer” Sonntag, der so schön begann

Gestern morgen habe ich statt dem Blogpost das Foto gepostet mit dem Satz: Kannst Du die Geschenke der Pferde annehmen? Ich hatte nämlich keine Blogpost – Idee , die gerade wirklich gepasst hätte. Dann war ich bei den Pferden, war ausreiten, habe den schönen Reitstunden auf dem Platz zugesehen, in denen mein Mann sorgfältig und individuell unterrichtet hat und habe mich an der fröhlichen Freiarbeit der Mädels mit ihren Lieblingen erfreut.

Dann der Schreck, Expresso hat eine Kolik. Sofort fuhr ich mit ihm, einem der Elfenjünglinge aus Südfrankreich, notfallmässig in die Klinik. Es wurde alles versucht, seine Besitzerin hat sogar einer Operation zugestimmt, drei Tierärzte und eine Tierarzthelferin am Sonntag abend im Einsatz.

Wir mussten ihn trotzdem gehen lassen, eine inoperable Invagination (Verstülpung) des Dickdarms.

Run Free geliebter Expresso

Jetzt am nächsten Morgen nach sehr wenig Schlaf, frage ich mich: Was ist jetzt mit dem Geschenk?

Ich, die ich dazu neige, dem Leben zu vertrauen, einen tieferen Sinn hinter Geschehnissen zu sehen, ich sitze hier und begreife gar nix mehr. Da kommen so grundsätzliche Fragen hoch wie:

Was hat das Leben hier überhaupt für einen Sinn? Und hat der Sinn – falls es ihn denn gibt – mit der Länge des Lebens zu tun? Nein, das denke ich nicht!

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Osterhasi? Nikolausi! – ein Neubeginn

Ostern steht für Neubeginn, Auferstehung, wieder Erblühen und Ergrünen.

Deshalb erzähle ich heute von unserem “Pferde-Osterhasen”, der in Wirklichkeit tatsächlich Nikolaus hiess.

Ich habe ihn, den Nikolaus, 2013 kennengelernt, er gehörte damals einer Bekannten, die ihn selbst vor noch nicht allzu langer Zeit gekauft hatte. Er lief dort brav seine Runden als Kinderreitschulpferd.

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Der Blick in seine Augen hat mich schon bei unserer ersten Begegnung berührt, mehr noch als sein desolater körperlicher Zustand.

Weil meine Bekannte noch ein Nachzügler-Baby bekam und ich gerade Zeit hatte, übernahm ich 2 Nachmittage pro Woche den Reitunterricht bei ihr. Nikolaus lief mehr schlecht als recht – so hatten sie ihn schon übernommen. Hinten deutlich taktunrein. Er versuchte sich jedesmal dem Aufhalftern zu entziehen indem er davon lief auf dem Paddock und den Kopf so hoch wie nur möglich in die Luft streckte.

Motivation gleich null komma null

Schliesslich eröffnete mir meine Bekannte, dass sie für ihn einen neuen Platz suchen, weil sie mit der kleinen Tochter doch keine Zeit mehr für gemeinsame Ausritte mit ihrem Mann finden würden – und dafür war der Nikolaus ursprünglich gekauft worden.

Bei mir läuteten die Alarmglocken. Wer will schon ein älteres Pferd in diesem Zustand und investiert, was notwendig ist, um ihm ein gutes Leben zu ermöglichen? Doch, jemand fiel mir ein. Die Freundin kam zum Probereiten und winkte dankend ab. “Bist Du da schonmal draufgesessen?” fragte sie mich. Ich verneinte. “Das fühlt sich an wie 37 nicht wie 17. Der will einfach nicht mehr.”

Ich redete mit meinem Mann und unserer Tochter – wir könnten ihn doch übernehmen und dann könnte er mir helfen bei unseren Kinderreitstunden, die ich bei uns aufbauen würde.  Wir würden ihm im Gegenzug helfen, wieder fit zu werden.

Wir haben schon genug Pferde

war die Antwort, und die war unbestrittenermassen korrekt. Rein rechnerisch.

Nikolaus ist ein Lipizzaner, er hat auch Brände – die Abstammung war damals aber unbekannt, weil die Papiere bei einer früheren Käuferin liegengeblieben waren. Sie hatte das Pferd nie bezahlt. Deshalb wurde Nikolaus dann dort wieder abgeholt und anderweitig verkauft. “Tour de Suisse” – Pferde nennen wir diese Wanderpokale in der Schweiz. Das hatte er echt nicht verdient. So eine treue Seele. Wie der Nikolaus in den Drei Nüssen für Aschenputtel.

Du, wegen dem Lipizzaner

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Vertrauen durch Vertrauen – 4ter und letzter Teil unserer Abenteuer mit den Elfenkindern

Rückblickend fällt mir auf, dass es in unserer Elfen-Geschichte immer und immerwieder um das Thema Vertrauen ging. Und zwar nicht nur von der Seite der Elfenkinder aus, sondern auch bei mir und bei den Pferdebesitzern, die uns ihre zarten Geschöpfe anvertraut haben.

Ein Gegenpol von Vertrauen ist Angst – und die Angst war ebenso allgegenwärtig in dieser Zeit. Zuerst waren es Angst und Sorge um das Leben der Kleinen, ganz zu Anfang wegen dem drohenden Schicksal beim Schlachter entsorgt zu werden, danach wegen wegen ihres teils echt bedenklichen Zustandes.

Dann wieder Ängste bei jedem Schritt in Richtung “Normalität”. Als wir die kleinen Stuten in die Herde brachten waren da Gedanken wie: Was wenn die sich auf den 6 ha Gelände einfach in den Wald verschlaufen sobald wir auftauchen? Was wenn sich eine verletzt und wir können sie nicht richtig einfangen und verarzten? Treffe ich die “richtigen” Entscheidungen zum richtigen Zeitpunkt.

Die kleinen Stuten verzupften sich nicht in den Wald

Nein, sie wussten mittlerweile, dass wir Zweibeiner zumindest dafür gut waren, zusätzliches Futter in Eimern zu bringen und wir brauchten einfach einige Zeit, bis wir sie zum füttern in dem abgesperrten kleinen Platz hatten. Es dauerte nicht lange und sie wussten, wie der Hase, ähh der Futtereimer läuft.

Tatsächlich hatte Emeraude einmal eine Schramme am Vorderbein, zum Glück nicht tief und sie heilte ohne unser Zutun problemlos ab. Wir hätten nämlich zu dem Zeitpunkt ohne Sedation null Chancen gehabt, das auch nur zu desinfizieren… Jede Hand, die ein Bein berührte, auch nur ganz oben, wurde energisch weggebissen. Heute kann ich sie überall berühren und sie geniesst es sogar. Hufe geben geht auch, zu meinem Erstaunen legt sie mir die Vorderhüfchen einfach ganz locker in die Hand, völlig entspannt. Und ich kann nicht mal genau sagen, warum diese Entwicklungssprünge dann passieren wenn sie passieren. Meist relativ unerwartet.

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Das grosse Päppeln bei den Jungs

Mitte Mai 2015 gesellte sich Tari (Epi)  zu Easy und Electron. Mein Herzenspferd, die Geschichte dazu könnt ihr hier nachlesen. Bei ihm war es vor allem Erleichterung und eine einzige riesige Befreiung als er endlich endlich nach langem Bangen um ihn bei uns war. Sein Zustand war deutlich besser als noch vor einigen Wochen und Easy und Electron begrüssten ihn überaus freundlich. Ich war total zuversichtlich, dass nach all den Strapazen, die er überstanden hatte, und mit seinem offensichtlichen Lebenswillen, nun alles besser würde. Klar, es würde Zeit brauchen.

Sorgen machte mir bei ihm in erster Linie das dick geschwollene linke Sprunggelenk. Beide Tierärztinnen, die draufgeschaut haben, meinten, es könnte ein Chip sein, aber es würde im Moment keinen Sinn machen zu röntgen und er zeigte ja keinerlei Lahmheit.

Ich vertraute darauf, dass es gut werden würde und kein bleibender Schaden bestand. Es konnte ja ebensogut noch von der Verletzung an diesem Bein herrühren und er würde nun 3 Jahre Zeit haben, gesund und stark zu werden. Und sonst würde immernoch Zeit da sein, genauer zu untersuchen.

Seit einigen Wochen ist nun die Schwellung weg, juhuuuu!

Schwierige Aufgaben? – nur her damit

Ende Mai dann die Anfrage der mehr oder minder verzweifelten Besitzerinnen von Eskimo und Expresso, ob ich die beiden nicht doch auch noch zu uns holen könnte, weil sich die Dinge in dem Stall, wo die beiden gemeinsam untergebracht waren, nicht so entwickelten wie gewünscht und gut für die beiden Jammergestalten.

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Meine Freundinnen und ich stellen uns manchmal im Scherz vor, wir würden vor unserer Inkarnation irgendwo im Himmel sitzen und es ginge dann darum, wer welche Aufgaben übernehmen würde im zukünftigen Leben. Und ich schwöre dann lachend, dass ich das nächste mal die Klappe halten und nicht dauernd “Hier” rufen würde.

Aber für dieses Leben ist es eh zu spät und so kamen auch Expresso und Eskimo Ende Mai auf “unsere Alp”. Während Eskimo “nur” ein Hungerhaken war, hatte ich um Expresso so richtig Angst. Er war so schwach, dass er im Stand die Sprunggelenke aneinander anlehnte um sich zu stabilisieren. Und nun war es Ende Mai schon an die 30 Grad heiss und die anderen zottelten die Bergweide hoch und runter und kreuz und quer – und er natürlich hinterher. Aber mit letzter Kraft.

Ich hatte Albträume, sah mich im Traum mit einem Infusionsständer auf der Weide neben einem völlig entkräfteten Expresso sitzen – und war umso dankbarer als ich aufwachte und realisierte, dass es nur ein Traum war.

Ich hätte ihn separieren können – aber war es nicht gerade auch die Gesellschaft seiner relativ gesunden Kumpels, die ihn motivierte? Und das Gras, das Gras war einfach Gold wert für diese Pferdchen. Dort wo ich ihn sonst hätte hinbringen können, war alles abgefressen – da waren die Lipizzanerchen vorher gewesen.

Er blieb also da – und wars zufrieden und futterte und futterte. Expresso ist heute noch der mit dem grössten Nachholbedarf. Die Hinterbeinchen nach wie vor ein wenig x-förmig, aber auch hier überwiegt mein Vertrauen. Und ich weiss dass er in liebevollsten Händen sein wird, wo auch sein unglaublich goldiger und unkomplizierter Charakter geschätzt wird. Und er wird wunderschön werden.

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Eskimos Unfall

Ein weiterer Meilenstein in Sachen Angst und Vertrauen ist der Unfall von Eskimo im Zuge der Integration in die “Bubengruppe”.

Es war für mich das erste Mal in diesen bald 8 Jahren, in denen wir Weidepensionäre betreuen, dass ich einen Pferdebesitzer anrufen musste mit einer derartigen Nachricht – eine tiefe Wunde! Wir stehen allesamt unter Schock. Die ganze Geschichte dazu findet ihr in einem eigenen Blogbeitrag Fünf Freunde und ein Unfall

Electron und das Halfter

Zu guter Letzt hatte ich noch versprochen zu erzählen, wie Electron schlussendlich doch noch halfterführig wurde. Seine liebe Besitzerin Michelle und wir haben geduldig geübt und ihn immerwieder weglaufen lassen wenn es ihm zu viel wurde – und irgendwann schwupps, hat er’s begriffen und sich das Halfter nicht nur an- und ausziehen lassen, sondern ist auch mitgelaufen. Er versucht zwar immer noch, ab und zu seinen eigenen Weg zu gehen, verständnislos, dass der Mensch am anderen Ende des Stricks jetzt gerade anhalten oder nicht dahin gehen will, wo er hinwill.

Aber auch mit ihm können wir heute völlig normal üben, die Hektik und Panik sind wie weggeblasen. Fast im Gegenteil scheint mir sein Vertrauen schwer zu erschüttern. War das was? Ach wird nicht so tragisch sein, ich geh wieder zurück zum Menschen…

Also alles im grünen Bereich. Manchmal erinnert mich das alles an meinen ältesten Sohn, bei dem ich ein wenig verzweifelt war,  weil er mit bald 2einhalb Jahren noch nicht auf die Toilette ging sondern auf seinen Windeln bestand. Da bald das zweite Kind kommen würde, fragte ich mich, wie ich das hinkriegen sollte und wann und wie in aller Welt er denn das begreifen würde mit der Toilette. Zwei Wochen vor der Geburt des Kleinen gings wie von selbst, keine Ahnung warum, er wollte keine Windeln mehr.

Es geht also nicht darum, sich keine Gedanken zu machen, aber es ist tatsächlich so, dass nur der allerkleinste Teil aller Befürchtungen real werden.

Unserer Elfenkinder haben mich einmal mehr gelehrt, dass ein bisschen Vertrauensvorschuss ins Leben zu wunderbaren Ergebnissen führt.

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Scheu aber wehrhaft – Unsere Abenteuer mit den Elfenkindern – Teil 3

Da lagen sie nun auf der kleinen Wiese und ruhten sich aus oder aber sie grasten oder frassen Heu – die Erschöpfung war gross. Das Wetter meinte es gut mit uns und wir waren froh um die Frühlingssonne. Wie sich etwas mehr als eine Woche später zeigte, wären die “Fünf Freunde” nämlich auch bei Regen nicht von selbst darauf gekommen, in den Unterstand zu gehen.

Unser Fohlentrüpplein – Electron, Emeraude, Easy, Eltanin und Endora – hielt sich meistens dicht zusammen. Emeraude und Eltanin entwickelten riesige Ödeme am Kopf und Eltanin auch an Brust und zwischen den Vorderbeinen. Die Tierärztin unseres Vertrauens, die sich “dank” ihrem Engagement im Tierschutz auch mit geschwächten Tieren gut auskennt, beriet mich hervorragend. Schwäche, Verwurmung und der lange Transport meinte sie, könnten solche Reaktionen hervorrufen.

Fast unberührbare Pferde – eine neue Herausforderung für uns

Als ich mich einmal Emeraude von hinten etwas unvorsichtig näherte, hatte ich zwei Hinterhüflein in der Magengrube. Hoppla, ich war noch weit weg gewesen und es war nicht mehr als ein Stupser für mich. Electron teilte auch mal aus und Andrea hatte einen dunkelblauen Fleck am Allerwertesten. Mir wurde klar, dass wir uns für ein Vorgehen entscheiden mussten, um das Vertrauen der Kleinen zu gewinnen. Weiterlesen

Fünf Freunde und ein Unfall – Teil 6 von “Ein Pferd namens Tari”

Weideleben und Erholung

Von Ende Mai 2015 bis August 2015 leben die 5 Freunde Eskimo, Expresso, Electron, Easy und Tari vertraut zusammen und sind vor allem damit beschäftigt, sich zu erholen, zu fressen und zu schlafen. Keiner der fünf ist zum Spielen aufgelegt. Das höchste der Gefühle ist mal ein Galopp über die Wiese wenn es am Abend kühler wird.

Die Zusatzfutter-Lieferung gehört bald zum Alltag und sie kommen auch sofort auf mein Rufen und Kübel-Rasseln. Das mit dem Sich-Anfassen-Lasssen ist individuell sehr verschieden. Bei Easy platzte der Knoten zuerst und er beginnt, das Streicheln und Kraulen zu geniessen.

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Willkommen in der neuen Heimat – Teil 5 von “Ein Pferd namens Tari”

Tari war nun also mit 3 gleichaltrigen Kollegen in Lörrach eingetroffen, erschöpft und ein wenig desorientiert. Aber alles in allem gut.

Der Tierarzt, der am nächsten Tag vorbeikam war gelinde gesagt schockiert. Er sei sich nicht sicher, ob wir die alle durchkriegen würden. Schluck – doch eigentlich haben wir sie genau deswegen geholt.

Und bezahlt hätten wir ja hoffentlich nichts für diese Fohlen. Doppelschluck – ähhh doch haben wir. Und wir bleiben bei der fixen Idee, dass da mal Pferde draus werden, für die dieser Preis dreimal gerechtfertigt war.

Nun geht’s um…. – die “richtigen” Entscheidungen

Ich sorge ja schon seit zig Jahren für viele verschiedene Pferde jeden Alters und bin es auch gewohnt, medizinische Entscheidungen treffen zu müssen. Aber das hier war eine neue Dimension für mich. Weiterlesen