Am Ende seiner Kräfte – Teil 3 von “Ein Pferd namens Tari”

Tari – alias Epi Favory Elfes – lag im Stroh zwischen seinen Hengstfohlenkumpels. Er mochte nicht mehr aufstehen, er konnte nicht mehr. Zu schwach – am Ende seiner Kräfte.

Es war der erste Samstag im April 1015 und es waren Leute auf dem Gestüt, die Pferde freikaufen wollten. Hektik brach aus – ein sterbendes Fohlen, ganz schlecht. Epi war dazu auch noch eines der am besten geratenen Hengstfohlen dieses Jahrgangs gewesen.

Der Chef konnte davon überzeugt werden, den Tierarzt zu holen. Eines war klar, wenn Epi irgendeine Überlebenschance haben sollte, musste er separat aufgestallt werden. Damit er fressen konnte, wann immer er mochte und sich nicht noch gegen stärkere Kollegen durchsetzen musste, um ans Heu zu kommen.

Der Tierarzt spritzte ihm ein Entwurmungsmittel und ein Aufbaupräparat.

Ein schwerer Weg

Dann begann die Odyssee – Epi musste raus aus der Laufhalle und bis in eine Box gebracht werden. Und das obwohl er sich kaum auf den Beinen halten konnte.

Zum tragen war er leider schon zu gross, deshalb begann ein Fuchteln und Schreien und Zerren und Hauen und Schieben. Immerwieder liess er sich zu Boden fallen. Ein Drama.

Bis er schliesslich in der Box war hatte er sich zusätzlich auf dem rauhen Mergelboden noch eine grossflächige Schürfung am linken Hinterbein zugezogen, oben am Knie.

Woher die Schwäche?

Die Pferdchen waren ja nun schon lange Zeit in der Laufhalle gestanden, Heu gab es immer.

ABER: Das Gras fehlte, die Muttermilch war nicht mehr da, und ein sowieso schon geschwächtes Fohlen voll mit Darmparasiten, da reicht nur Heu einfach nicht.

Dazu kam – das ist eine Interpretation von mir, die allerdings durch mehrere später gemachte Blutbilder von Elfenpferdchen aus diesem Jahrgang eine hohe Wahrscheinlichkeit erhält – eine Virusinfektion. Epi/Tari war wohl einer der ersten, den sie hart erwischte. Sein geschwächter Organismus klappte zusammen.

Entwicklungsrückstand und die bange Frage

Epi/Tari wurde in der Box gefüttert – bekam auch etwas Gerste dazu – und siehe da, er überlebte die ersten kritischen Tage.

Seine Fotos wurden derweil von der Vermittlungsseite gelöscht. Es war bereits April, die damals von der Bank gesetzte Frist war Ende April und es waren noch so viele E-Elfchen da.

In Frankreich hat jeder Pferdejahrgang einen Anfangsbuchstaben, der im ganzen Land gleich ist. 2014 war es das E. Deshalb all die Namen mit E, Easy, Electron, Expresso, Emeraude, Eltanin und so weiter. Es waren viele viele.

Nun lief der Verkauf der älteren und erst recht der bereits gerittenen Pferde sehr gut.  Aber diese E – Zwerge?

Objektiv betrachtet hatten die meisten der E-Fohlen der weissen Elfen mit einem Jahr in etwa den Entwicklungsstand eines gut versorgten 3 bis 4 Monate alten Fohlens. Sie mussten noch rund 3 Jahre gefüttert und gepflegt werden bis ans Reiten zu denken war – würden sich genügend “Verrückte” finden, die so ein Wagnis eingehen würden?

Falls nein, wer würde über die Klippe springen müssen?

Und dann noch Epi/Tari in seinem nach wie vor kritischen Zustand? Wer würde so ein Pferd kaufen?

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Mission das richtige Pferd finden

Am Mittwochabend der folgenden Woche kamen wir nach anstrengender 12 stündiger Fahrt auf dem Gestüt an – gepannt wie Flitzbögen, was uns erwarten würde.

Michelle und Andrea würden sich ihre Pferde aussuchen am flogenden Tag und wir wollten mit diesen Pferden und einem Fohlen, das wir im Auftrag transportieren würden, am Donnerstag abend wieder nach Hause fahren, ins Elsass, direkt an der Schweizer Grenze.

Uns streckend und ächzend drehten wir eine erste Runde durch den Boxenstall. Wir begrüssten die Deckhengste, die wir anhand der Fotos leicht identifizieren konnten.

Wir alle hatten die “Schlachthaus der Lipizzaner”-Seite akribisch studiert, uns Fotos gemerkt und Abstammungen und “Favoriten”  markiert.

Ein Blick so tief wie der Ozean

Da stand er in einer Box mit dem Kopf im Stallgang. Ich betrachtete sein Gesicht und war bezaubert. Ein Blick ins Innere der Box liess mir allerdings das Blut in den Adern stocken. Ein Gerippe einerseits, dann das dick geschwollene linke Knie und das seltsam verdreht abgespreizte linke Hinterbein. Oh Gott!

Ich riss mich los, wir wurden mit einem tollen Abendessen erwartet – danach ging es in die grosse Laufhalle zu den Pferdchen, die noch ein Zuhause suchten.

Am nächsten Tag waren wir vollauf beschäftigt mit der Pferdesuche – die Anlage ist sehr gross und wir wären an Epi/Tari gar nicht mehr vorbeigekommen, wenn da nicht noch ein Auftrag gewesen wäre.

Der Auftrag

Ich hatte einer Frau versprochen,  eine knapp zweijährige Stute aus dem D-Jahrgang für sie anzuschauen und ihr zu berichten, was sie auf mich für einen Eindruck mache.

So lag ich also den ganzen Tag der vielbeschäftigten Frau, die uns auf dem Gestüt betreute, in den Ohren – ich muss unbedingt noch Delphe sehen, wo steht sie? Ich muss es Dir zeigen, sagte sie, ich bin mir nicht sicher, ob die Boxen richtig angeschrieben sind.

So gingen wir dann gegen mittag zusammen mit Michelle zum Stalltrakt bei der offenen Reithalle. Dahinter war ein Roundpen und dort drin war das verletzte Fohlen vom Vorabend zusammen mit einem viel kleineren Kollegen, der an beiden Hinterbeinen eine Fehlstellung hatte.

Bei ihnen war eine ältere Französin, die versuchte, sie zu ein bisschen Bewegung zu animieren, so gut es eben ging.

Dem französischen Gespräch der beiden Damen, unserer Führerin und der Französin, konnten wir entnehmen, dass eines der Pferde Epi war. Epi war auf Michelles Favoritenliste und wir hatten bis dahin vergebens nach ihm gefragt und ihn in der Gruppe im Laufstall auch nicht identifizieren können.

Ich fragte die Französin, ob die beiden den Zusatzfutter bekämen. Ja doch etwas Getreide. Michelle durfte mit einer Futterschüssel in den Roundpen und Epi und Eskimo kamen zaghaft auf sie zu, um zu fressen.

Ich hatte mich völlig in den grösseren Epi verguckt und hätte ihn am liebsten mitgenommen. Ich fand, es wäre ein faires Angebot, dass ich versuchen würde, ihn aufzupäppeln und ihn dafür gratis bekommen würde.

Nun, beides war nicht möglich, erstens sollte er genau gleichviel kosten wie jedes andere E-Elfchen auch und zweitens war er nicht transportfähig. Er würde den langen Transport gar nicht überstehen, hatte der Tierarzt gesagt und das leuchtete mir ein.

So verliessen wir am Abend Realville mit 5 E-Elfen für 5 verschiedene Besitzer im Anhänger aber ohne Epi/Tari.

Wie würde es für ihn weitergehen? Zuerst mal auf die Strasse und auf die 5 im Anhänger konzentrieren…

Weiter geht es nächsten Sonntag.

2 Gedanken zu „Am Ende seiner Kräfte – Teil 3 von “Ein Pferd namens Tari”

  1. Carsten Roby

    Diese Verrückten haben sich glücklicherweise gefunden und die Bereitschaft für die Verantwortung und Verpflichtung sich der Wesen anzunehmen und ihnen die bestmögliche Betreuung zukommen zu lassen wird mit einer tiefen Verbundenheit gedankt die ich so noch nicht erlebt habe!

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  2. Antoinette Artikelautor

    Ja, da hast Du sehr recht lieber Carsten – bisher hat sich auch meine Verrücktheit sehr sehr gelohnt – gemessen in Einheiten von Glücksgefühlen:-) Und die Verbundenheit unter den Verrückten ist auch sehr schön und kostbar.

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