Die Brücke der Liebe

Yisr al Hawah ist arabisch und heisst übersetzt die Brücke der Liebe. Ich muss jetzt hier mal was gestehen – ich habe Hawah vor drei Jahren nur aus einem Grund gekauft: Weil er mich in seinem Ausdruck so sehr an meine Penta erinnert hat. Penta war mein erstes eigenes Pferd, meine vertraute Freundin und allerbeste Lehrerin.

Penta hatte etwas – oder soll ich sagen viel – schwermütiges, melancholisches. Das fehlt bei Hawah ganz und gar, er ist die quietschende, blühende Lebensfreude. Mir wurde schon vorhergesagt – von mehr als einer Stelle – dass mich der Junge mal ziemlich herausfordern werde. Und siehe da – nun ist’s soweit. Penta hat das ja auch getan. Nun denn. Ich wollte ihn unbedingt.

Mein Quatschkopf leidet

Hawah fügt sich in sein Schicksal – nachts Box, tagsüber Weide oder Paddock, je nach Wetter zusammen mit Kumpel Insley – so gut es geht. Aber es geht nur mässig gut. Einige Wochen lang denke ich, er wird sich schon eingewöhnen, es ist halt eine Umstellung.

Unsere Mini-Spaziergänge sind herausfordernd und gleichzeitig rührend. Wenn er erschrickt – ein Auto, ein Fahrrad, Kinder was auch immer – wirde er zwanzig Zentimeter kleiner und alles an ihm scheint auszudrücken: Um Himmelswillen, wo soll ich nur hinspringen? Ich muss doch hier weg.

Er stürmt oder springt aber nicht einfach los, ausser zweimal, als er durch ein von hinten kommendes Fahrrad überrascht wird, er will ja auch nicht am Strick ziehen. Am liebsten im Boden versinken…

Weil die Strasse eine Quelle der Schrecken ist, frage ich die Stallbesitzer, ob ich bei trockenem Wetter auf einer direkt an die Strasse grenzenden, hoch eingezäunten Weide mit ihm üben dürfe. Ja wir dürfen. Da kann nichts Schlimmes passieren, selbst wenn ich ihn mal nicht halten könnte.

Wir geben uns wirklich Mühe, beide.

Aber insgesamt wird er immer noch angespannter statt gelöster. Was gut klappt sind unsere Spaziergänge “ab vom Schuss” und da trabt er auch schön neben mir her – ich sollte einfach länger rennen können…. Eine Kondition hat der Junge, keine Ahnung woher, aber er hat kein nasses Haar, egal was wir machen.

Insley reichts

Was tut er also, mein kleiner Hawah, weil alles so aufregend ist? Er piesackt den armen Insley, der sich in der neuen Situation viel besser zurechtfindet. Und zwar penetrant.

Dem reichts gelegentlich und er verdrischt den Störenfried. Aber so richtig. So dass es knallt und die Nachbarin ans Fenster rennt um zu sehen, was da los ist.

Ja manchmal spielen sie auch ihre Jungmänner-Spiele, aber es ist immer an der Grenze zum Ernst. Es droht zu kippen.

 

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Es ist wie wenn meine Kinder gestritten haben – ich versteh ja beide, aber es ist einfach blöd. Nicht nur blöd, gefährlich. So riesig ist der Paddock nicht. Einmal als ich am Heu und Wasser auffüllen bin, geht es wieder los und Hawah rennt um ein Haar durch den Zaun. Zudem wird er auch in der Box immer schreckhafter – möglicherweise hat das damit zu tun, dass direkt vor seiner Box die grossen Heuballen von oben runter gelassen werden so ca. jeden vierten Tag. Oder es ist einfach ein Ausdruck seines Befindens. Die Augen werden immer grösser, einmal erschrickt er, als ich in der Boxentür auftauche.

Es muss etwas geschehen und ich entscheide mich, Hawah wieder zurück auf unsere Pferdeweide zu bringen. Ich hab so keine ruhige Minute mehr. (Ah ja, bevor ihr fragt, Bachblüten und so hat er auch bekommen.)

Gott sei’s  gepriesen, dass ich diese Möglichkeit habe! Ich habe wiedermal am eigenen Leib erfahren, wie das ist, wenn irgendwas mit dem Pferd und der Haltung und/oder Fütterung nicht funktioniert und der Pferdebesitzer kanns nicht ändern. Nur schlecht schlafen. Nicht schön!

Hey guys, ich bin wieder da

So fahre ich mit dem Hänger vor und bin erstmal gespannt, wie das Verladen und das erste mal allein im Hänger fahren gehen. Natürlich erkläre ich ihm, wo’s hingeht und in zwei Minuten ist er drin und steht wie eine Eins.

Trotz dem rutschigen Boden auf unserer Hangweide lässt er es sich nicht nehmen, nach einer kurzen Begrüssung der anderen so nach dem Motto, hier bin ich wieder, ausgiebig seine Runden zu galoppieren.

In der kommenden Woche sehe ich ihn eigentlich nur in zwei “Gangarten” stehend oder galoppierend. Und sehr zufrieden.

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Mein wilder Kerl passt zu mir

Die zwei Monate sind zwar völlig anders gelaufen, als ich mir das vorgestellt hatte, ABER ich hab viel verstanden über Hawah, das mir vorher nicht so bewusst war.

Wie er tickt, was er braucht, dass wir beide in unserem grossen Freiheitsbedürfnis uns wohl ähnlicher sind als ich dachte.

Nicht zuletzt haben uns die bestandenen Abenteuer einander näher gebracht. Deswegen bereue ich es nicht. Wir bauen nun auf dem neu Verstandenen weiter auf und ich weiss: Die Brücke der Liebe ist nicht nur Name sondern Programm. Meine Aufgabe ist es, die Brücke zu ihm zu finden.

 

 

Ein Gedanke zu „Die Brücke der Liebe

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