Herausgefordert von “frechen” Junghengsten

Süss schauen und schmusen, ja das können sie bestens. Unsere ausgemergelten Lipizzaner-Fohlen mausern sie sich langsam aber sicher zu Junghengsten. Die mittlerweile auch Energie übrig haben zum Spielen und Toben. Wie sich das für Junghengste so gehört.

Die Kehrseite der Medaille

Ich gönne Ihnen Ihre Kraft und Ihr Selbstbewusstsein von Herzen. Aber jetzt sind auch wir gefordert.

Vor allem wenn wir im Weg stehen, in einem der wichtigsten aller Wege – nämlich dem Weg zum Futtereimer. Was bisher immer funktionierte, wird plötzlich wild und wirr und wir haben Mühe, sie geordnet zu ihrem Futter zu bekommen. Da wird am Tor gedrückt und gedrängelt was das Zeug hält. Geduldiges Warten ist Vergangenheit.  Kaum geht das Tor einen Spalt weit auf, wollen sie alle gleichzeitig durch. Das heisst alle drei. Tari macht da nicht mit, er mag kein Gedrängel. Da geht er sofort auf Abstand. “Weiser alter Mann” hat ihn kürzlich jemand genannt, ja das kommt hin.

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Hilft aber nichts, da sind noch drei, die von heute auf morgen das Kommando “Zurück”, das sie so im Alltag alle ganz gut kennen, vergessen haben. Kein Gewedel mit dem Seil hilft, kein Stimmkommando. So kann das manchmal gehen mit Pferden, die sich entwickeln.

Neue Strategien müssen her

Eine neue Strenge muss ich mir angewöhnen – wo ich es doch viel lieber locker, flockig und harmonisch hätte. Zeit muss ich einrechnen und Konzentration aufbringen. Das süsse “Fohlen-Füttern”, das wir nun ziemlich genau ein Jahr lang praktiziert haben, wird zur Erziehungsaufgabe und Kinder können zur Zeit da nicht mehr helfen.

Ich füttere zur Zeit nur noch einzeln, nicht mehr wie bisher alle gleichzeitig. Bevor es zum Futtereimer geht, gehen wir ca. hundert Meter spazieren. Laufen – Anhalten – Kopf senken – Laufen – Anhalten – Rückwärts. Und das ganze mit genügend Abstand und nicht “auf meinem Arm”.

Sogar am Futtereimer vorbei müssen sie laufen – da kommt meine angeborene Gemeinheit ins Spiel. Nein, es ist einfach unumgänglich, dass sie das lernen, bevor sie sich angewöhnen, Menschen irgendwo hin zu ziehen, wonach es ihnen nun gerade ist.

Klar verstehe ich, dass sie zum Futter wollen. Völlig normal und logisch. Und sie sind auch nicht frech, sie versuchen nur, ihre Interessen durchzusetzen. Auch völlig normal und logisch.

Ich bin sicher, dass es wieder locker und flockig gehen wird, sobald wir alle den neuen Ablauf verinnerlicht haben – und dann müssen wir auch nicht mehr vor dem Fressen spazieren gehen. Aber jetzt machen wir es mal eine Weile so. Sie sind auch ganz unterschiedlich die drei, Easy, Expresso und Electron. Easy ist charmant aber frech, versucht auch mal zu zwicken wenn’s ihm gar nicht passt. Expresso ist der coolste von allen, wenn es ihm zu viel wird bleibt er stehen wie ein Statue, lässt sich dann aber wieder motivieren. Electron hat am meisten Mühe mit Abstand und zuhören. Und setzt gern mal seine Kraft ein. Aber nicht bösartig sondern mehr so “bisher hat das aber so funktioniert???”.  Dafür ist er dann sehr zufrieden, wenn er verstanden hat und es gut klappt. Ahhaaa, so geht das, ja das find ich auch ganz o.k.

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Sie wären blöd, wenn sie es nicht versuchen würden 

Vielleicht ist mein Tari also blöd? Nein bestimmt nicht, er macht es auf eine andere Art. Er verfolgt mich auf Schritt und Tritt weil er genau weiss, dass ich für ihn immer eine Extraportion in der Jackentasche habe. Er weicht in der Gruppe allem und jedem aus, wenn sich eine Enge oder ein Konflikt auch nur anbahnt, ist er weg. Aber beim mir Nachlaufen zeigt er durchaus eine gewisse Penetranz. Und ich muss gut aufpassen, dass ich den richtigen Zeitpunkt erwische, um damit aufzuhören. Der ist dann gekommen, wenn er fordert statt nachschaut. Bisher geniesse ich noch ein wenig seine Nähe und unsere Zweisamkeit.

Natürlich wäre das ganze Problem gelöst, wenn wir Futterstände hätten. Haben wir aber leider nicht. Dafür können wir jetzt nicht ausweichen und müssen das Thema angehen. Kann auch von Vorteil sein um innere Schweinehunde auszutricksen.

Falls Du ähnlich Themen kennst und Mühe hast, Lösungen zu finden. Oft hilft es, die Herausforderung in Teilschritte zu zerlegen.  So einfach und klein wie möglich. 

Und wenn Du es alleine nicht schaffst, hol Dir Hilfe. Teilt die Aufgaben auf. Man kann ein Pferd auch zu zweit führen (in der Brieftauben-Position nach Linda Tellington-Jones zum Beispiel). Das mussten wir mit unserem Walterli auch eine Zeit lang machen – und der hat vielleicht 110 cm Stockmass. Dafür hat er’s faustdick hinter den Ohren und ist blitzgescheit und weiss sehr genau, was er will und vor allem was er nicht will.

Was ich schade finde, ist wenn Menschen aufhören, mit ihren Pferden etwas zu machen, weil es Probleme gab. Das geht nicht, dann lassen wir’s eben. Und dann kann man plötzlich das nicht mehr und jenes nicht mehr. Lieber Lösungen suchen, auch wenn’s Zeit und Energie erfordert. Daran wachsen wir.

26102012(3von423)

 

 

 

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