Das heilige Pfingst-Pferd

Am Pfingstsonntag 1985 kam mein erstes eigenes Pferd zur Welt. Sie wurde auch nach ihrem Geburtstag genannt: Penta Costa, was übersetzt Pfingsten heisst.

Ich habe sie im Januar 1990 gekauft, gerade angeritten. Ich war durch die ganze Schweiz gefahren auf meiner Pferdesuche – und hatte schliesslich SIE gefunden. Bei unserem Probeausritt hatte ich das Gefühl, ich könnte morgen mit ihr auf eine Weltumrundung aufbrechen, so seltsam vertraut irgendwie.

Sie war eine kleine Dunkelfuchs-Stute – genau was ich mir immer gewünscht hatte – und zu dem Zeitpunkt dachte ich noch, ich würde sie dann schon erziehen. Sie war sehr unfreundlich und bissig, vor allem in der Box.

Heute weiss ich, dass es eher umgekehrt war, dass sie also mich erzogen hat, oder sagen wir, mir Impulse zu meiner Weiterentwicklung gegeben hat – und zwar genau die richtigen und wichtigen.

Anfangs war ich sehr gefordert mit ihr. Wenn ich sie von der Weide holen wollte, ging sie im Galopp mit geöffnetem Maul auf mich los – das erste Mal rannte ich davon und hinter einen Baum, weil ich um mein Leben fürchtete und sowas auch noch nie erlebt hatte.

Ich bewaffnete mich daraufhin mit  Karotten und ging x mal zu ihr hin um sie einfach zu füttern und dann weiter grasen zu lassen, bevor ich sie aufhalfterte. Dieses Thema war dann damit bald aus der Welt.

Wenn schon, dann mit vollem Einsatz

Aber: Bei jeder Gelegenheit riss sie sich los, zerriss Stricke, ungezählte Halfter, riss sogar Dübel mit Anbinderingen aus der Mauer. ich dachte erst, sie hat Angst, aber wenn der Strick oder was immer kaputt war, schüttelte sie sich und blieb seelenruhig stehen. Es war mehr so: Ich lass mich von Dir hier nicht anbinden. Und – wen erstaunt`s – sie verletzte sich dauernd. Ich hatte wöchentlich mindestens einmal den Tierarzt im Stall. Penta verschlang bestimmt die Hälfte meines bescheidenen Einkommens. Ich hatte ja erst vor einem Jahr mein Studium abgeschlossen und hatte nun einen 60% Job, damit ich auch genügend Zeit für mein vielgeliebtes Pferd hatte.

Mehr als einmal stand ich heulend im Stall. Ich verbrachte jede freie Minute bei ihr und versuchte ihr ein wirklich schönes Leben zu bieten – und sie? Giftete mich an, brachte mit ihrer Reisserei sich und andere in Gefahr und hatte dauernd ein Wehweh.

Erstaunlicherweise stellte ich mir dennoch nicht die Frage, ob ich das falsche Pferd gekauft hätte. Reiterlich waren wir recht harmonisch, sie war auch ausgesprochen verkehrssicher und ich liebte sie einfach über alles.

pentamitanhklein

Ich besuchte fleissig Reitstunden mit ihr und stellte mit Schrecken fest, dass ich immer mehr Kraft brauchte beim Reiten, während wir im Umgang allmählich zu mehr Harmonie fanden.

Ich sprach darüber mit meiner Reitlehrerin, die nur meinte, ich solle doch froh sein, wenn ich ein wenig mehr Anlehnung hätte an der Hand.

Das wars dann – es mussten neue Wege gefunden werden

Das machte für mich absolut keinen Sinn, wieso sollte ich ein feinfühliges junges Pferd mit immer mehr Kraft an Schenkel, Sitz und Hand reiten? Ich besuchte Seminare und Kurse, suchte andere Wege.

Fündig wurde ich dann bei Bettina Schürer, die mir klipp und klar sagte: Du sitzt ganz nett auf Deinem Pferdchen, das Pferdchen läuft auch recht nett – nur habt ihr nicht viel miteinander zu tun.

Ich wusste, dass sie recht hatte. Ich hatte mir eine dermassen mechanische und automatisierte Hilfengebung angewöhnt, dass ich gar nicht mehr spüren konnte, was Penta unter mir genau tat. Es war ein steiniger Weg zurück zum Fühlen und Wahrnehmen.

Bis ich nur schon im Schritt fühlen konnte, wann welches Hinterbein nach vorne tritt. Ich bin stundenlang durch den Wald geritten und war mit Fühlen beschäftigt und immer wieder der Kontrollblick nach hinten – hab ich’s jetzt?

Bettina hat mir auch die gewohnten Zügelhilfen quasi “weggenommen”. Ich wollte ja auch nicht an ihr herumziehen. NUR: Da kamen dann meine ganzen Unfähigkeiten erst zum Vorschein. Das schlimmste war die Phase, in der ich nicht mehr nach rechts abwenden konnte (ohne am Zügel zu ziehen). Und Penta war so schrecklich konsequent! Ich dachte mir: Du könntest ja auch mal gnädig sein mit mir, Du weisst ja genau, was ich will. Ja, aber das tat sie nicht. Sie blieb ungnädig solange bis ich meinen Knorz und Krampf bei mir gelöst hatte. Das schaffte ich schliesslich mit Musik auf dem Reitplatz und Mitsingen – oh happy day :-). Dann gings plötzlich butterweich.

Meine beste beste Freundin

Penta wurde zu meiner besten besten Freundin. Und bleib das bis ans Ende ihrer Tage. Viel zu früh, mit knapp 21 musste ich sie gehen lassen mit 2 gerissenen Sehnen.

Sie war eine starke Persönlichkeit und hat mich gelehrt, auch zuzuhören und nicht nur Befehle zu erteilen.

Sie war in der ganzen Zeit meine wichtigste Lehrerin – vielleicht gerade, weil wir es nicht immer einfach hatten miteinander.

Und wenn ich an sie denke – was ich bestimmt mehrmals täglich tue, auch heute noch – fühle ich, was uns bleibt, wenn unsere geliebten Pferde mal gegangen sind. Es sind diese Erinnerungen an manchmal von aussen total unspektakuläre Momente – auf der Weide, im Stall, im Wald und beim Reiten. Und auch an die spektakulären – wie wir mehr als 3 Stunden versucht haben sie zu verladen zum Beispiel. Oder das Gefühl, als ich sie an unserer Hochzeit geritten habe – unvergleichlich, sie schien zu wissen, dass das hier wichtig und gross war.

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Leider ist das Foto ziemlich unscharf, aber wir hätten alles reiten können in diesem Moment, alles was wir sonst gar nicht konnten, sie war sowas von bei der Sache. Dieses Gefühl werde ich nie vergessen.

Seither ist Pfingsten für mich der heiligste Tag des Jahres – weil damals mein “heiliger Geist” zur Welt gekommen ist: PENTA COSTA.

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Ein Gedanke zu „Das heilige Pfingst-Pferd

  1. Kathrin

    Ich erinnere mich an Ausritte auf Penta – ich war ein ungestümer Teenie und sie mein geduldiges Pflegepferd, das mich Vertrauen lehrte…

    Antworten

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