Trauer um ein Pferd – und Fragen an das Leben

Ein “schwarzer” Sonntag, der so schön begann

Gestern morgen habe ich statt dem Blogpost das Foto gepostet mit dem Satz: Kannst Du die Geschenke der Pferde annehmen? Ich hatte nämlich keine Blogpost – Idee , die gerade wirklich gepasst hätte. Dann war ich bei den Pferden, war ausreiten, habe den schönen Reitstunden auf dem Platz zugesehen, in denen mein Mann sorgfältig und individuell unterrichtet hat und habe mich an der fröhlichen Freiarbeit der Mädels mit ihren Lieblingen erfreut.

Dann der Schreck, Expresso hat eine Kolik. Sofort fuhr ich mit ihm, einem der Elfenjünglinge aus Südfrankreich, notfallmässig in die Klinik. Es wurde alles versucht, seine Besitzerin hat sogar einer Operation zugestimmt, drei Tierärzte und eine Tierarzthelferin am Sonntag abend im Einsatz.

Wir mussten ihn trotzdem gehen lassen, eine inoperable Invagination (Verstülpung) des Dickdarms.

Run Free geliebter Expresso

Jetzt am nächsten Morgen nach sehr wenig Schlaf, frage ich mich: Was ist jetzt mit dem Geschenk?

Ich, die ich dazu neige, dem Leben zu vertrauen, einen tieferen Sinn hinter Geschehnissen zu sehen, ich sitze hier und begreife gar nix mehr. Da kommen so grundsätzliche Fragen hoch wie:

Was hat das Leben hier überhaupt für einen Sinn? Und hat der Sinn – falls es ihn denn gibt – mit der Länge des Lebens zu tun? Nein, das denke ich nicht!

Gibt es sinnlose und sinnvolle Tode? Oder erkennen wir den Sinn dahinter oft nicht?

Der Tod meiner geliebten Penta vor gut 10 Jahren war ein Meilenstein in meiner persönlichen Entwicklung – ein schmerzhafter Meilenstein. Mit ihren noch nicht mal 21 Jahren für mich viel zu früh, aber trotz allem nicht sinnlos.

Und Expresso? Er wäre im Juli zarte 2 Jahre alt geworden! Er hatte schon einiges hinter sich und er fing doch jetzt erst an, körperlich richtig aufzubauen. Er hatte eine Besitzerin, die ihn sehr lieb hatte und er hätte noch ein langes Leben vor sich haben können.

Aber war sein Leben nun weniger wertvoll weil es nur so kurz gedauert hat? Soll ich mich damit trösten, dass er, der kleine Sonnenschein, immer gut gelaunt und fröhlich, die Zeit in der er umsorgt und sehr geliebt wurde, hat geniessen können? Er hätte es gerne auch noch länger geniessen können!

Ein Text von Steve Jobs fällt mir ein:

“Niemand will sterben. Nicht mal Menschen, die in den Himmel kommen wollen, wollen sterben, um dorthin zu gelangen. Und dennoch ist der Tod das Schicksal, das wir alle teilen. Niemand ist jemals entkommen.Und das ist so, wie es sein sollte, denn der Tod ist höchstwahrscheinlich die beste Erfindung des Lebens.Er ist der Vertreter des Lebens für die Veränderung. Er räumt das Alte weg, um Platz zu machen für das Neue.”

Das tönt hart, sehr hart. Aber es stimmt wohl. Das ganze Leben auf der Erde ist auf diesem Kreislauf von Leben und Tod aufgebaut.

Dazu aus einem Brief, dem angeblich letzten Brief  von Steve Jobs vor seinem Tod 2011:

“Was ich jetzt noch mitnehmen kann, sind Erinnerungen, die auf Liebe basieren und mit Liebe erschaffen worden sind. Dein Reichtum – das ist die Liebe zu deiner Familie, das ist die Liebe zu deiner Frau und deinem Mann, das ist die Liebe zu deinen Nächsten. Passt auf euch auf und sorgt euch um die anderen.“

Und da, sobald das Wort Liebe ins Spiel kommt, kommen sie die Geschenke von Expresso an mich: Gleich massenweise.

Da ist sein Vertrauen, das er mir so vorbehaltlos geschenkt hat. Alles hat er mitgemacht gestern, ist im ersten Anlauf in den Hänger gestiegen, auf die Waage, hat alle Untersuchungen über sich ergehen lassen, hat seinen von der Sedation müden Kopf in meine Hände oder auf meine Schultern gestützt. Wie gern hätte ich ihn wieder mitgenommen….

Da ist seine liebevolle Frechheit, wie er sich jeweils von hinten angschlichen und mich zart angestupst oder angepustet hat beim Misten oder wenn ich mit einem anderen Pferd beschäftigt war. He hallo, hier bin ich, hast Du was für mich? Aber nicht stur aufdringlich, so sonnenscheinmässig halt.

Viele viele Situationen fallen mir ein. Ich muss aufpassen, dass die Tastatur hier nicht bewässert wird von meinen Tränen beim Schreiben dieses Textes.

Dann natürlich diese quälenden Fragen: Hätte ich etwas anders machen können – ich wüsste nicht was. Trotzdem, es lässt mir keine Ruhe. Auch wenn mir die Tierärzte versichern, ich hätte nichts falsch gemacht, alles gegeben was in meiner Macht stand und so was könne – vor allem in dem Alter – einfach passieren. Pech. Ob auch Folgeschäden der Verwurmung und des früheren Hungers beteiligt waren – niemand kann diese Fragen mit Sicherheit beantworten.

War es vorbestimmt? Welche Instanz entscheidet so was? Warum und warum er?

Und selbst wenn ich es alles verstünde, warum gerade er nun so sterben musste, selbst dann bliebe die Trauer. Weil sie nichts mit dem Verstand zu tun hat. Gerade Kulturen, in denen der Tod als Bestandteil des Lebens weniger Schrecken hat als bei uns, gerade dort sind die Zeiten der Trauer, die den Menschen zugestanden werden, viel länger als bei uns.

Gerade dort ist bekannt, dass Trauer in abgrundtiefe Tiefen führt.

Trauer ist Liebe über die Welten hinweg

Worte zur Trauer von Manuela Schillinger-Gabriel, einer Trauerbegleiterin, die ihren Mann beerdigen musste und die vier Sternenkinder hat, und die ich aus der Kongress-Gruppe kenne. Sie bereitet einen “Mut-zur-Trauer – Online – Kongress” vor, so wie ich die Pferde-Konferenz vorbereite.

“Was ist Trauer für mich? Trauer ist für mich das Gefühl, da ist jemand weg, der mir sehr an mein Herz gewachsen ist und der für mich jetzt irdisch nicht mehr greifbar ist. Es ist ein Schmerz der meinen Körper durchfließt als würde ich jeden Moment zusammenbrechen, weil ich mich nicht mehr halten kann. Trauer ist für mich der Schmerz, all der nicht-gesagten und der gesagten Worte, der nicht-gelebten und gelebten Taten, der Schmerz des Alleinseins, des nicht fassen könnens, was unwiderruflich in eine andere Ebene gewechselt ist. Der Schmerz, etwas verloren zu haben was andere glücklich macht. Der Schmerz des Herzens, es kann die Liebe nicht mehr in der Form ausdrücken, wie es andere tun. .Trauer ist Liebe über die Welten hinweg, Trauer ist Liebe und Dankbarkeit für all das, was gemeinsam erlebt wurde. Trauer ist für mich ein Ausdruck einer anderen Kommunikation, einer Kommunikation mit einer anderen Ebene, die ich nicht fassen, nur spüren und glauben kann. Trauer ist unendlich tief und heilsam, weil es mich in meine eigene Tiefe und meinem Schmerz bringt, den ich nun spüren darf. Trauer holt mich in meine Präsenz und fordert mich mehr zu mir zu stehen. Trauer zeigt die Kostbarkeit und Vergänglichkeit des Lebens und fordert mein eigenes Ja zum Leben. Trauer ist kein Ende, sondern ein Anfang zu mir selbst und meiner eigenen Herzensliebe!”

In diesem Sinne: Danke geliebter Expresso für Alles!

 

 

 

 

 

5 Gedanken zu „Trauer um ein Pferd – und Fragen an das Leben

  1. Tamara Schwalm

    Dieser Text ist so unendlich ergreifend….aus der tiefsten Tiefe deines Herzens geschrieben. Ich weine…und mir fallen einfach nicht die richtigen Worte mehr ein. Stille…und auch wenn wir uns nicht persönlich kennen (erst vor Kurzem gefunden über FB aufgrund unserer Hunde – deine Enya und meine Mila – zu 99% Geschwister), bin ich bei dir, Antoinette. Du bist ein ganz wertvoller Mensch!!

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  2. Birgit

    ? Oh ich kann Dich so gut verstehen. So ging es mir vor 2 Jahren mit Flair, es fühlt sich so gemein und sinnlos an, vor Allem, wenn sie noch so jung sind. Nimm Dir Zeit für die Trauer um ein geliebtes und liebenswertes Pferd und wenn es dann irgendwann einmal leichter wird, wird aus diesem sinnlos scheinenden Ende ein Neubeginn von irgendetwas Wunderbaren sein. Dann weisst Du: es war nicht umsonst. Ich drück Dich und die Besitzerin, für die diese Zeilen auch sein sollen. Auf Wiedersehen, Du tapferer kleiner Schatz ?

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  3. Katja

    Ich kann gar nicht aufhören zu weinen…
    Auch ich habe eine wundervolle Stute bis zum letzten Atemzug begleitet, ist 2,5 Jahre her. Die Trauer ist tief, so eng waren wir verbunden. Deine Worte sind Balsam für meine Seele. Aus tiefstem Herzen: Danke dafür!

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