25 Jahre Amir – oder Liebe allein genügt nicht zum glücklich werden

Ein Pferd steht unter einem Apfelbaum. Abseits. Allein.

Es kommt auf mich zu.
Unförmig ist er, zu grosser Bauch, wenig Muskeln, trauriger Blick.
Ich bin verliebt in ihn. Seit zwei Monaten, Gott weiss vielleicht warum, ich jedenfalls nicht. 

Es ist einfach so passiert, unvermittelt, sein Blick hat mich fasziniert, ich hatte eine Verbindung zu ihm gespürt, die mich umgehauen hat. 

Deshalb bin ich heute wieder hier, im Gestüt du Florival im Elsass. Ich will eigentlich kein zweites Pferd, schon gar keinen Araber und zu allerletzt einen Fuchs. 

Aber: ich kann nicht mehr ruhig schlafen seit dem Tag im März 1999, an dem ich ihm begegnet bin. 

Heute ich Pfingstsamstag 1999 und ich komme, um ihn nochmals zu sehen. Damit ich eine Entscheidung treffen kann. Die Entscheidung fällt: Ich kann ihn nicht da lassen. Nicht weil er schlecht gehalten wäre oder so. Es scheint einfach nicht richtig, mir kommen bei dem Gedanken die Tränen. Und ich hatte mich bis dahin für einen relativ rationalen Menschen gehalten. Hmmm. 

Der Züchter wird ihn am Pfingstmontag zu uns bringen, ich handle eine verlängerte Probezeit aus, weil er so abgelaufene Hufe hat – er war kürzlich auf einem Wanderritt – dass er sehr schlecht läuft. 

Der Tierarzt meines Vertrauens kommt zur Ankaufsuntersuchung. Positiv auf sämtliche Beugeproben. Also Röntgen. Ich lege mir vorher zurecht, dass ich ihn zurückbringe, wenn die Röntgenbilder zeigen sollten, dass er bereits kaputte Gelenke hat. Wenn es allerdings eine Chance gibt, dass er bei mir einigermassen gesund 20 werden kann, dann kaufe ich ihn. 

Er heisst zu dem Zeitpunkt noch IBSON du Florival, irgendwann hat sich bei uns der Name Amir eingebürgert, der Prinz. 

Die Röntgenbilder zeigen Chips bei allen Gelenken, die wir geröntgt haben. 

Der Tierarzt sagt: Es ist russisches Roulette, aber ja, es gibt einen Chance. Er würde allerdings abraten. 

 

 

Ibson bleibt bei mir. 

Zwei Monate später die Trennung von meinem Lebenspartner und dem Vater unserer beiden Söhne. 

Ich bin jetzt alleinerziehend, das Geld wird knapp. Für Ibson hatte ich ein Konto eingerichtet. Weil ich auch mit Ausbildungskosten gerechnet habe. 

Er geht zu Bettina Schürer in Ausbildung. Ich will ihn von meinem Gefühls-Schlamassel fernhalten. Es geht ihm nicht wirklich gut, er frisst zwar, nimmt aber nicht zu. 

Bald lerne ich Erwin, meinen jetzigen Mann kennen – bzw. lieben, denn gekannt haben wir uns bereits Jahre vorher. 

Bei einem Besuch bei Bettina und Ibson sehe ich ihn auf einer Weide stehen und sage, schau, da ist er ja. Erwin meint trocken: Ja, ich weiss, diese Krücke erkenne ich von Weitem. 

Er sieht echt mies aus. Erst mit der Zeit stellt sich heraus, dass IBSON psychisch ziemlich am Ende ist. Er hatte wohl als 5jähriger Hengst einen Unfall mit einem Auto, muss sehr hengstig gewesen sein, wurde daraufhin kastriert und wusste seither irgendwie nicht mehr so recht, wer er denn nun war. 

Das alles habe ich erst mit der Zeit verstanden. 

 

Nichts ist wie geplant

Bald wurde ich schwanger – völlig ungeplant. Ibson’s und meine Beziehung war auch nicht gerade das, was ich mir gewünscht hatte. Er war sehr sehr distanziert, erstarrte zu einem “Stück Holz” wenn er sich nicht wohl fühlte. 

Die Praktikantin bei Bettina, die vor allem mit ihm arbeitete meinte: Wenn Du dieses Pferd wirklich wirklich liebst, dann wirst Du eines Tages alles von ihm haben können. Wenn nicht, vergiss es gleich. 

Ich dachte, gut, ich liebe ihn ja. Sieht doch gut aus für uns.

Meine Liebe allein reichte nicht um unsere Herzen füreinander zu öffnen

Wohl konnte ich ihn reiten, longieren, und so weiter, das gewisse Etwas fehlte aber. Ich vertraute ihm nicht wirklich und er mir nicht. 

Die nächsten Jahre wurden so etwas wie ein “Durchhaltetest”. Ich überlegte, ihn zu verkaufen, konnte mich aber doch nicht dazu durchringen. Mit nunmehr 3 kleinen Kindern und als Selbstversorgerin im Stall war die Zeit für die gemeinsame Beschäftigung immer knapp. Oder die Ablenkung gross. Und ich fühlte mich unter Druck, ihn ausreichend zu bewegen. Dennoch, Weggeben war auch keine echte Option.

Heute würde ich es anders angehen. Sowas wie Freiarbeit mit Herz oder auch das Mutmach-Training von Christian Stahn , das in der SonnenPferd Connection gerade läuft oder andere Trainer die dieses Hinfühlen unterrichten (und da kenne ich mittlerweile zum Glück einige) hätten uns einander um Welten näher gebracht. Und er hätte sich endlich endlich öffnen können. Wir hätten uns uns gegenseitig öffnen können. 

Ich machte zwar Coachings mit ihm mit, zur Persönlichkeitsentwicklung, aber das war nicht das Richtige für uns. 

So musste der Ärmste warten, bis Lia, unsere Tochter, die aus der ungeplanten Schwangerschaft geschlüpft war, älter wurde. Und langsam langsam entstand zwischen den Beiden ein inniges Band. 

Lia hatte alle Zeit der Welt – während wir mit Stallarbeit beschäftigt waren, ging sie mit ihrem Amir, wie wir ihn in der Zwischenzeit rufen, spazieren. Fress-Spazieren. Ganz nach seinem Geschmack. 

Nie hätte ich gedacht, dass dieses temperamentvolle, auch mal unberechenbare Pferd ein Kinderpferd werden würde. War er ja auch nicht, er war einfach Lia’s Pferd. 

 

Ist er immernoch. 

Am 30. März ist er 25 geworden, Arthrosen machen ihm etwas zu schaffen. Aber er ist nach wie vor der souveräne Chef der gemischten Gruppe von rund 20 Pferden. Er hat jede Menge Sonderrechte. So was Betüddeln und Füttern angeht. Wie immer schon frisst er sehr langsam und braucht für sein Zusatzfutter dementsprechend lang. Er lässt es auch stehen, wenn er genug hat. Deswegen darf er zum Füttern rauskommen, wann immer er mag. Das wissen auch die Besitzer der Pensionspferde. Wenn der Herr also brummelnd ankommt, dann heisst das: 

Sehr schön, dass Du mich jetzt gleich rauslässt aus der Gruppe und mir Köstlichkeiten bringst. 

Wehe der Mensch kapiert nicht, dann erntet er einen sagenhaft empörten Blick. 

Unser Amir ist ein wundervolles Wesen, eine grosse Pferdepersönlichkeit. 

Und meine Liebe allein hat nicht genügt, um unsere Herzen aufzuschliessen, was es gebraucht hat war die hingebungsvolle Zuwendung. Ein intensives auf ihn Eingehen. 

Das ich vorher leider nicht gefunden habe. Lia als Kind hat diesen Schlüssel ohne grosse Anleitung einfach gehabt. Liebe, Zeit, Zuwendung, genaues Hinfühlen. 

Ich habe Amir vor bald 8 Jahren Lia geschenkt. Sie sorgt wunderbar für ihn, hat ihn auf verschiedenen Ebenen erfasst. Beim körperlichen Training brauchte sie Anleitung, auf der Herzebene nicht. 

Danke Amir, dass Du bei uns bist, und das nun schon seit 19 Jahren. Und schön, dass es doch noch geklappt hat mit dem gesehen werden und dem sich öffnen. Du Wunderbarer. 

Und bleib gerne noch lange lange.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.