In unserer Arbeit begegnen uns so viele Pferde – und jedes hat eine Geschichte.
Manche davon sind eindrücklich und bleiben mir im Gedächtnis.
Diese hier, weil sie zeigt, wie schnell ein Pferd in eine Rolle geraten kann, die eigentlich gar nicht zu ihm gehört.
Und weil sich manchmal alles verändert, sobald jemand beginnt, wirklich hinzuschauen.
Darum möchte ich heute diese Geschichte erzählen.
Ich nenne sie Sonnenpferd-Geschichten.
Es sind Geschichten von Pferden, denen wir wirklich begegnet sind.
Geschichten, die etwas sichtbar machen.
Vielleicht kennst du meinen Satz:
Weil in jeder Geschichte eine Kraft liegt – und in jeder Wunde ein Weg.
Heute beginnt diese Reihe mit einem Pferd, das ich für diese Geschichte Taiyō nennen möchte.
Es ist nicht sein wirklicher Name, aber die Geschichte ist wahr.
Taiyō ist japanisch und bedeutet Sonne.
Es war einmal
ein hübsches schwarzbraunes Hengstfohlen mit einer auffälligen Blesse.
Sie sah ein bisschen aus wie ein Fragezeichen – und vielleicht passt das sogar besser, als man im ersten Moment denkt.
Für diese Geschichte nenne ich ihn Taiyō. Das ist japanisch und heißt Sonne.
Taiyō wuchs gut auf. Er hatte Platz, Luft, Pferdefreunde – alles, was man sich für ein junges Pferd wünscht. Die Züchter waren zufrieden und hofften auf einen guten Preis für ein vielversprechendes Sportpferd.
Taiyō war ebenfalls zufrieden. Er machte sich keine Gedanken über die Zukunft.
Er mümmelte sein Heu, genoss sein Leben – und lernte, Pferd zu sein.
Was er allerdings schon früh merkte: Je nach Wachstum waren seine Beine manchmal… schwierig. Manchmal fühlte es sich an, als würden sie einfach laufen, und er selbst musste mit seinem Körper irgendwie hinterherkommen, um in Balance zu bleiben. Der Körper soll ja schließlich mit. Das tat nicht weh – nur war es eben nicht so leicht wie bei anderen.
Dann kam der Tag, an dem seine Kindheit vorbei war. Taiyō wurde verkauft und kam in Beritt. Und plötzlich tauchten Dinge auf, die vorher keine Rolle gespielt hatten:
Zaumzeug, Longe, Sattel. Und im Kreis gehen sollte er auch. Alles seltsam.
Taiyō versuchte es wirklich. Er war kein „schwieriges Pferd“. Er war ein Pferd, das mitmachen wollte.
Aber dann: Weil sein Körper das Geforderte nicht gut tun konnte – gerade das im Kreis laufen – begann er sich zu verspannen, vor allem im Rücken. Es ging einfach nicht anders.
Wenn der Körper nicht mehr mitkommt
So etwas heißt Kompensationsverspannungen. Es ist einfach ein Versuch eines Körpers, die Aufgaben zu lösen. Das Perfide daran: Diese Spannung verschwindet nach dem Training nicht einfach wieder. Sie bleibt.
Der Körper gewöhnt sich daran. Muskelketten werden kürzer, Bewegungen kleiner, das Ganze unangenehmer – und irgendwann meldet das innere System: Achtung. Vorsicht. Nicht, weil draußen wirklich Gefahr ist, sondern weil der Körper sich so anfühlt, als wäre er in Gefahr.
Und hier beginnt ein Teufelskreis, der so viele Pferde betrifft.
Ein angespanntes Pferd wird oft schreckhaft oder unruhig. Je nach Typ versucht es entweder, dem Stress davonzulaufen – oder sich möglichst wenig zu bewegen. Manchmal ist es auch abwechselnd beides.
Und während das Pferd versucht, irgendwie klarzukommen, wird auf der anderen Seite der Mensch unsicher. Verständlicherweise – wer unsicher wird, will mehr Kontrolle. Wer mehr Kontrolle will, erhöht den Druck.
Bei Taiyō führte das dazu, dass es immer öfter zu unerwünschten Reaktionen kam: scheuen, wegspringen, bocken. Die Bereiterin wurde unsicherer, hielt mehr dagegen, „schraubte ihn zusammen“ – einfach, um es irgendwie zu schaffen.
Dabei war es längst fünf nach zwölf. Taiyō hätte nicht noch mehr vom Gleichen gebraucht.
Er hätte etwas völlig anderes gebraucht: Hilfe hätte er gebraucht, um Balance, Takt und Losgelassenheit zu finden.
Einen Aufbau, der ihn nicht zwingt zu kompensieren, sondern ihm erlaubt, stabil zu werden.
Dann kam, was oft kommt, wenn man ein Pferd lange genug über seine Grenzen hinweg „funktionieren“ lässt: Ein Unfall.
Die Bereiterin flog gegen die Bande und musste verletzt ins Spital gebracht werden. Und plötzlich war aus dem süßen Fohlen in der Erzählung ein „Verbrecherpferd“ geworden.
Gefährlich.
Unberechenbar.
Er sei unreitbar, hieß es, und er sollte zum Schlachter.
Ein Schlachttermin wurde ausgemacht.
An diesem Punkt hätte Taiyōs Geschichte enden können – obwohl er bis dahin, nach bestem Vermögen, immer versucht hatte, es richtig zu machen.
Zum Glück kam eine Frau ins Spiel, die nicht bereit war, dieses Urteil einfach zu schlucken. Ihr ließ die Frage keine Ruhe: Ist er wirklich aus sich heraus gefährlich – oder liegt da etwas anderes darunter? Kann man ihm helfen?
Sie kaufte Taiyō frei und brachte ihn zu einer Trainerin ihres Vertrauens, mit einem klaren Auftrag: „Finde heraus, was mit diesem Pferd los ist.“ Und in diesem neuen Stall waren die Probleme natürlich nicht plötzlich weg. Aber etwas Entscheidendes war anders:
Taiyō wurde gehört und gesehen. Und es kam kein einziges Mal zu einer Situation, die gefährlich gewesen wäre.
Kein Losreißen. Kein Wegrennen. Kein Bocken. Kein „Verbrecher“. Stattdessen: ein Pferd mit Themen, ja. Und ein unglaublich liebenswürdiges Wesen.
Taiyō hatte Glück und er hat dort ein neues Zuhause gefunden. Er lernt immer mehr und immer besser mit seinem Körper klarzukommen.
Heute ist er ein geliebtes und geschätztes Pferd, das sich am Leben freut und Freude macht.
Das war die erste meiner Sonnenpferd-Geschichten. Und sie wird nicht die letzte sein.
Vielleicht kennst du auch ein Pferd, bei dem eine Frage wichtiger wäre als ein Urteil:
Woher kommt dieses Verhalten?
Wenn dich solche Fragen beschäftigen – wenn du bei deinem Pferd manchmal spürst, dass hinter einem Verhalten etwas anderes stecken könnte – dann haben wir vielleicht etwas für dich. Unseren Halbjahres-Kurs Zwischen Führung & Freiheit.
Dort schauen wir gemeinsam auf die Gründe hinter dem Verhalten eines Pferdes.
Und wir suchen die Schritte, die zu diesem Pferd und zu diesem Menschen wirklich passen.
Falls du darüber mehr erfahren möchtest, findest du alles über einen Klick auf den Button.
Herzlich
Antoinette

