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Zeit und Geduld beim Anreiten

Uns begegnen immer wieder besorgte Pferdebesitzerinnen und -besitzer, die uns fragen: „Mein Pferd ist bereits x Jahre alt (4, 5, 6 oder sogar älter), aber ich habe es noch nicht geritten. Meine Stallkolleginnen warnen mich davor, dass mein Pferd zu stark wird und das Training später umso schwieriger sein wird. Was meinst Du dazu?“

Erstens: Oft steckt hinter dieser Zurückhaltung ein guter Grund, denn nicht jedes Pferd entwickelt sich im gleichen Tempo.

Und zweitens: Wir von „Herzenssache Pferd“ sehen die Dinge etwas anders. Wir schätzen selbstbewusste Pferde, die in der Lage sind, mit uns zu kommunizieren und ihre Bedenken auszudrücken. Für uns ist es eine Verpflichtung – nein, vielmehr eine Herzensangelegenheit – auf diese Bedenken einzugehen, in welcher Form auch immer.

Beispiel Emeraude

Nehmen wir beispielsweise Emeraude, meine kleine Lipizzanerstute. Als ich sie als Jährlingsstute aus einem insolventen Gestüt in Frankreich holte, war sie äußerst misstrauisch gegenüber Menschen. Sie war sogar diejenige unter den fünf Jährlingen, die am längsten brauchte, um sich überhaupt anfassen zu lassen. Aber selbst das war noch kein Zeichen von Vertrauen.

Die kleinste in der Mitte ist Emeraude

Die Kleine war wehrhaft und hatte ein flinkes Hinterbein

verständlich, bei dem was sie schon erlebt hatte. Wir liessen ihr viel Zeit.

Im Laufe der Jahre entwickelte Emeraude sich physisch sehr gut, von einem ausgemergelten Jährling, der so groß war wie ein drei Monate altes Fohlen und unterernährt, zu einer schönen Jungstute. Doch ihre Entwicklung erforderte Zeit. Mit vier Jahren war sie noch nicht reif für intensives Training. Als wir im fünften Jahr langsam begannen, stellte ich fest, dass sie viel Zeit benötigte, um sich auf ihren Menschen einzulassen, nachzudenken und Entscheidungen zu treffen.

Bin ich der richtige Mensch für sie?

Mit mehreren Pferden und vielen Verpflichtungen war ich möglicherweise nicht die ideale Person, um ihr diese Zeit zu geben. Ich erwog sogar, sie an jemanden abzugeben, der besser geeignet schien. Einmal kam jemand, um sie anzusehen, und sie war so unruhig, dass sie nicht einmal zum Putzen stehen bleiben konnte, was zuvor kein Problem war. Das brachte mich ins Grübeln. Vielleicht wollte sie doch nicht gehen, dachte ich, und suchte nach einer Lösung.

Schließlich entschied ich mich dafür, sie in einen Stall in unserer Nähe zu bringen. Die Idee war, dass ich, wenn ich dort war, einfach Zeit für Emeraude haben konnte, vielleicht sogar während einer Arbeitspause vom Computer. Gesagt, getan. Doch ich hatte nicht erwartet, dass Emeraude Dinge wie Häuser, Mauern, Autoscheinwerfer und bellende Nachbarshunde so beängstigend fand. Es dauerte eine Weile, bis sie sich dort sicher fühlte. Alles Neue erforderte eine längere Eingewöhnungsphase. Zuerst gingen wir nur auf dem Hof spazieren, dann betrachteten wir Autos, dann Autos im Regen (sie klingen ganz anders), und schließlich verließen wir das Gelände, um ein wenig Gras zu fressen. Es dauerte Wochen und Monate, bis scheinbar einfache und selbstverständliche Dinge für sie keine Angst mehr auslösten. Sie sprang selten weg, sie erstarrte eher.

Es dauerte und dauerte…

Nach einem Jahr, in dem wir bereits einige Fortschritte gemacht hatten – wir gingen weiter spazieren und machten erste Longierübungen auf dem Platz – war ich dennoch frustriert. Ich fragte mich, ob aus ihr überhaupt noch ein Reitpferd werden könnte. Sicherlich hätten wir den Druck erhöhen können, aber das hätte ihr Unbehagen bereitet. Ich wollte eine Unterstützung für sie sein, keine Bedrohung. Doch dann begann plötzlich der Durchbruch, gefolgt von Rückschlägen. Heute, mit neun Jahren, arbeiten wir immer noch an Dingen wie Geraderichtung und Selbsthaltung. Aber Emeraude ist zu einem wunderbaren, sensiblen und äußerst kooperativen Reitpferd herangewachsen.

In diesem Sommer hatte unser Stall ein Kinderlager, und wir dachten zunächst, dass das für Emeraude zu stressig sein könnte. Dennoch brachten wir sie zusammen mit den anderen Pferden zum Putzplatz, und sie zeigte sich völlig entspannt. Sie trug die Kinder gelassen und zuverlässig durchs Gelände. Sie wurde sogar zu einem ihrer Lieblingspferde, weil sie so fein kommuniziert und auf die Stimme hört.

Diese jahrelange Grundlagenarbeit, wenn auch nicht immer freiwillig, hat sich mehr als gelohnt. Jetzt kann ich mit Emeraude stehenbleiben, während andere Pferde davon galoppieren. Obwohl sie immer noch Dörfer mit viel Verkehr und Zivilisation faszinierend findet, ist sie aufmerksam und nimmt unsere Unterstützung an. Hat Emeraude nun „zu viel Kraft“ für das Reiten? Ganz im Gegenteil, sie ist stark genug geworden, um ruhig zu bleiben und in Kommunikation zu bleiben. Schon von Anfang an war sie die ranghöchste Stute in unserem Offenstall, und es gab nie Diskussionen darüber.

Es dauert so lange es dauert und die rascheste Lösung ist selten die beste

Unsere Botschaft ist klar: Es dauert so lange, wie es dauert. Wir können dir deine Sorgen nehmen, dass ein Pferd ab einem bestimmten Alter zu stark wird. Mera hat auch schon 11-jährige und noch ältere Pferde angeritten, und das war kein Hindernis. Viel wichtiger ist, dass sich das Pferd sicher fühlt, die Aufgaben versteht und umsetzen kann, sich gesehen fühlt und nicht als Befehlsempfänger agiert.

Für uns haben Pferde Mitspracherecht, ohne dass Führung und Klarheit verloren gehen. Es gibt verschiedene Wege, die zu einer erfolgreichen Partnerschaft führen. Pferde müssen nicht geritten werden, um glücklich oder ausgelastet zu sein, aber für viele Mensch-Pferd-Paare ist das Reiten eine wunderbare Sache, vorausgesetzt, das Pferd ist physisch und mental dazu in der Lage, und du ebenso.

Mit diesem Ansatz kannst du geduldig und einfühlsam auf die Bedürfnisse deines Pferdes eingehen, was letztendlich zu einer tieferen Bindung und einer erfolgreichen Partnerschaft führt. Meine Erfahrungen mit Emeraude sind ein Beispiel dafür, dass es nie zu spät ist, eine positive Verbindung aufzubauen und gemeinsam zu wachsen und dass auch längere „Durststrecken“ nicht bedeuten, dass sich nichts verändert.

Viel Freude mit Deinem Pferd – und nehmt Euch die Zeit, die es braucht!

Fähigkeiten

Gepostet am

12. September 2023