Es gibt Momente und Situationen im Leben und auch im Zusammensein mit Pferden, wo man gefühlt vor einer Wand steht. Man ist verzweifelt und fühlt sich auch irgendwie hilflos. Nichts scheint mehr zu funktionieren. Man hat das Gefühl, dass man plötzlich nichts mehr weiß und weiß nicht, wie man diese Situation meistern soll.

Genau einen solchen Moment hatte ich, mit meiner Lipizzanerstute Mia. Alles fing damit an, dass ein Gestüt in Frankreich alle Lipizzaner verkaufen musste. Und eine von diesen Stuten sollte ihren Weg zu mir finden. Nach einem langen und anstrengenden Transport spät abends, kam diese halbe Portion Pferd, bei uns an. Eine Bekannte fragte mich mit einem Grinsen auf dem Gesicht, ob der Rest noch mit der Post kommen würde. Es dauerte keine halbe Stunde, da hatte sich Mia schon hingelegt, um sich erstmal von den anstrengenden letzten Stunden zu erholen. Ich hatte noch keine Ahnung, was mich tatsächlich noch alles erwarten würde. In diesem Moment war ich einfach nur froh, dass alles so gut geklappt hatte. Jetzt würde alles besser werden.

In meiner Naivität öffnete ich am nächsten Morgen die Tür ihrer Box, um Mia etwas Heu zu bringen. Mindestens doppelt so schnell wie ich die Tür geöffnet hatte, schloss ich sie auch wieder. Ich hatte wahnsinnig Glück, dass nichts passiert war, denn vor mir stand ein Pferd, aufgerichtet auf den Hinterbeinen, mit den Vorderbeinen schlagend, die Ohren im Hals versunken. Mia hatte sich scheinbar gut erholt über Nacht. Sie machte mir unmissverständlich deutlich, was sie von Menschen hielt. Nämlich nichts. Und sie war bereit zu kämpfen und ging auf Menschen los. Sie meinte es ernst.
Genau das war einer dieser Momente, wo ich nicht wusste, was ich machen soll. Ich war wirklich verzweifelt und irgendwie hilflos.

Als Trainerin für positive Verstärkung komme ich oft zu Menschen, die genau in so einer Situation sind. Situationen, in denen man nicht weiterweiß. Probleme, in denen auch andere schon gescheitert waren. Pferde die beißen, steigen, treten, durchgehen. In solchen Situationen beginnt man umzudenken. Neue Wege zu suchen, denn die alten haben nicht mehr funktioniert. Aus diesen Erfahrungen, die ich schon machen durfte, weiß ich, dass Pferde immer einen Grund für so ein Verhalten haben. Sie verhalten sich nicht so, um uns zu ärgern. Und ich wusste auch, dass es immer eine Lösung gibt. Solche Situationen enthalten ganz viele Informationen, die wir annehmen können und das Beste aus jeder Situation zu machen.

Und ehrlich gesagt konnte ich Mia total verstehen. Von riesigen Weiden eingesperrt in eine kleine Box mit Gitterstäben bis zur Decke. Von den Menschen vor Ort, die damals verzweifelt versuchten, den Pferden so viel wie möglich noch beizubringen und nicht zimperlich waren, wenn die Pferde nicht kooperierten. Einige wurden innerhalb von 2 Wochen eingeritten. Weggerissen von ihrer Mutter, ihrer Familie, ihren Freunden. Mit manchen Pferden mag das gut gehen, aber Mia war kein Charakter, der das über sich ergehen ließ. Sie war eine Kämpferin. Sie hatte ihre eigene Meinung. Wäre ich in ihrer Situation gewesen, hätte ich vermutlich auch nur noch um mich geschlagen und gebissen. Ich hätte auch kein Vertrauen mehr in irgendwen.
Eine der Prinzipien der positiven Verstärkung ist, anzunehmen, was ist und dies zu akzeptieren und zu respektieren. Ich probierte also aus, bis wohin, ein Kontakt für Mia noch in Ordnung war und versuchte, so viele schöne Momente wie möglich zu schaffen. Zeit zu verbringen, ohne Erwartungen. Da zu sein und den Moment zu genießen. Und das war anfangs eben ca. 10 Meter von ihr entfernt. Es dauerte nicht lang, bis Mia nicht mehr ausschließlich gestresst, unsicher und aggressiv war, sondern merkte, dass irgendwas anders war und neugierig Kontakt zu mir aufnahm. Erstmal nur mit ihrem Blick aus sicherer Entfernung. Dann auch mit einem Schritt in meine Richtung. Irgendwann auch mit einem Geruch aufnehmen und einem vorsichtigen berühren mit der Nase. Ich gab ihr den Raum, den sie brauchte.

Stück für Stück bauten wir uns eine gemeinsame Kommunikation auf. Eine Kommunikation, in der sie mir sagen konnte, wie es ihr geht und wann es ihr zu viel wird. Eine Kommunikation, in der ich ihr sagen konnte, was ich gerne möchte. In der sie ausprobieren konnte, wie es sein könnte und Fehler machen durfte, ohne Sorge haben zu müssen, dass sie dafür bestraft wird. Sie fing an, immer feiner mit mir zu kommunizieren, was mir sehr gelegen kam, weil ich so mitbekam, wann es ihr zu viel wurde, ohne direkt irgendwelche Zähne oder Hufe abzubekommen. Es ist so wichtig einen Raum zu schaffen, in dem das Pferd noch ja sagen kann. Einen Raum in dem es Stück für Stück seine Stärken und Schwächen ausprobieren kann, stressfrei lernen kann und positive Erfahrungen erleben darf. Mir ist es wichtig, das Pferd als Individuum und Persönlichkeit zu sehen und zu fördern und gemeinsam einen harmonischen Weg zu finden, der sich für beide Seiten richtig anfühlt.

Und genau das bietet für mich der Weg der positiven Verstärkung. Positive Verstärkung ist das, was das Pferd als angenehm empfindet und daraufhin ein bestimmtes Verhalten mehr werden lässt. Was eine Verstärkung ist, entscheidet das Pferd. Für viele Pferde ist es das Futter, für andere Zuneigung, kraulen, Stimmlob oder beispielsweise die Lieblingsübung. Der Verstärker kann sich von Situation zu Situation verändern und muss von der Wertigkeit her immer zu den Anforderungen passen. Bekannt ist die positive Verstärkung vermutlich unter dem Begriff Clickertraining. Auf Grund der Tatsache, dass Pferde nur ca. 3 Sekunden den Zusammenhang zwischen Lob und dem gewünschten Verhalten herstellen können, wird hierbei ein Markersignal eingeführt. Dieses Markersignal kann z.B. ein Clicker sein, aber es kann auch jedes beliebige, immer gleich klingende andere Signal sein, was dem Pferd vermittelt: „Genau das war richtig, dafür bekommst du gleich eine Belohnung.“ Somit können wir uns Zeit verschaffen, dem Pferd beispielsweise das Leckerli zu überreichen und haben trotzdem ein gutes Timing und sind wesentlich verständlicher für das Pferd.

Es steckt also mit Sicherheit eine gewisse Technik hinter all dem, genauso wie auch sehr viel Theorie hinter all dem steht. Aber positive Verstärkung ist so viel mehr, als bloß Click und Keks. Es ist eine positive Art der Kommunikation, bei dem wir die Möglichkeit haben, dem Pferd fair zu vermitteln, was wir uns wünschen. Eine Kommunikation, bei der wir dem Pferd ein Mitspracherecht geben können und immer ein ehrliches Feedback von unserem Pferd erhalten. Es geht darum die Persönlichkeit des Pferdes zu erkennen und zu fördern. Verständnis füreinander zu schaffen und Lösungen zu finden, die für beide Seiten stimmig sind. Deswegen ist es mir eine Herzensangelegenheit die positive Verstärkung als innere Einstellung und als Versprechen an das Pferd für einen fairen und respektvollen Umgang, in die Welt zu tragen.

Mit Mia bin ich genau diesen Weg gegangen. Und heute freue ich mich jeden Tag darüber, was wir schon alles erreichen konnten. Jedes Mal wenn sie mir auf der Koppel entgegen gelaufen kommt, wenn sie mich sieht. Jedes Mal, wenn wir neue Situationen mit Neugierde und Freude bewältigen und mit einem positiven Gefühl gestärkt daraus heraustreten. Jedes Mal, wenn sie neue Ideen entwickelt und kreativ ist. Jedes Mal wenn sie mir ihr Vertrauen schenkt und sagt, ja, das kann ich. Jedes Mal wenn ich das Funkeln in ihren Augen sehe und sie sich stolz präsentiert. Und jedes Mal wenn sie mir ganz sanft mit ihren Nüstern ins Gesicht pustet.

Wenn du mehr über die positive Verstärkung erfahren möchtest, dann ist die kostenlose Onlinekonferenz Click mit Herz genau das richtige für dich. Ich freue mich jedenfalls schon sehr darauf!

Hier kannst du dich eintragen um dabei zu sein. Am 25. November 2019 geht es los.

Click mit Herz