Ich bin irgendwie immernoch vom Hocker und kann’s kaum fassen. Anlehnung, dieser Begriff wird doch dauernd verwendet, aber was heisst das überhaupt?

In den letzten Wochen durfte ich da etwas im wahrsten Sinne des Wortes BE-GREIFEN. Und das ist ein echter Lichtblick.

Ein Begriff zum erfühlen

Dabei muss ich gestehen, sagt der Begriff Anlehnung eigentlich alles, es ist alles enthalten in der deutschen Sprache. Das entscheidende bei der Anlehnung ist, dass ich mich eben anlehne und wann tue ich das? Wenn ich davon ausgehe, dass die Lehne nicht plötzlich wegbricht. So auf einem Stuhl zum Beispiel. Ich möchte ja nicht „ins Leere stürzen“.

Die Anlehnung ist also ein Angebot, das ich dem Pferd mache, ich kann sie nicht einfach „herstellen“. Annehmen tut es das Angebot selbst – oder eben nicht.

Tatsächlich kann Anlehnung dem Pferd sehr helfen, ganz körperlich.

Ein winziger Selbstversuch

Hattest du schon mal Sitzschulung und dann hat der Reitlehrer/die Reitlehrerin dich gefragt, ob sie dir die Hand wo hinlegen darf, um dir das reinfühlen zu erleichtern?

Nur die Hand zum Beispiel ins (tendenziell hohle?) Kreuz zu legen bewirkt bereits, dass du die Körperstelle anders wahrnimmst, intensiver, wärmer, weicher. Probiers doch gleich mal selbst aus und lege eine deiner Hände mal in dein Kreuz und bleib da eine Weile. Schön ist’s, wenn die Hand nicht kalt ist.

Lade dich selbst ein, dich ein wenig an deiner Hand anzulehnen. Nicht mit dem ganzen Gewicht dagegen schmeissen – bei einer Anlehnung am Zügel können wir auch nicht das Gewicht des ganzen Pferdeschädels tragen. Es geht um das Gefühl, dass etwas da ist, um einen Kontakt, der weich ist und zuverlässig.

Das Pferd soll sich in die Hand verlieben

hat Claudia F. Meier von Pferdepunkt in ihrem Monat in der Online-Akademie von Herzenssache Pferd gesagt – und ich fand’s schön, mir war aber nicht klar, wie das gehen soll.

Letze Woche hatte ich ein unerwartetes, berührendes Erlebnis mit Stella.

Stella la Bella

Stella kam stark traumatisiert vor ca. 15 Jahren aus Italien zu uns. Warum, ist eine längere Geschichte. Sie hatte nicht nur Angst vor Menschen, sondern eigentlich vor irgendwie allem. Vor dem Wind, vor dem Waldrand, vor Schatten, ganz extrem vor Kühen. Sie war anfangs so aufgewühlt, dass sie kaum je stillstand und immer wanderte. Gab es etwas besonders ängstigendes, dann fing das ganze grosse Pferd an zu zittern und zu schwitzen. Und zwar manchmal so stark, dass es tropfte.

Ich hatte anfangs gedacht, das kriegen wir schon hin, sie wird das schon lernen. Ein Irrtum, wie sich herausstellte, jedenfalls nicht mit all den Mitteln und Wegen, die ich damals kannte.

So haben wir nach und nach immer weiter zurückgeschraubt , was wir mit ihr unternommen haben. Das Reiten – ja sie war angeritten – habe ich nach zwei heftigen Stürzen schon im ersten Jahr ganz und lebenslang gestrichen. Das muss nicht sein. Danach dachte ich, dann machen wir halt Bodenarbeit, aber auch da hatten wir lange Zeit ein Dilemma. Stella ist ein ausgesprochen liebes Pferd und möchte niemandem weh tun. Mit viel Futterlob hat sich ihre sowieso schon grenzwertig hohe Erregung jeweils noch mehr gesteigert. Und dann gab es Situtionen, da stand ich da mit ihrem grossen Pferdekörper am Strick oder an der Longe und hatte den Eindruck, da ist gar niemand drin, mit dem ich kommunizieren könnte.

Wir liessen sie also auf der rund 6 ha grossen Weide mit der Herde und das war schon Herausforderung genug. Sie hat sich sehr eng an Amir angeschlossen, den Leit-Wallach, der ihr mit seiner Ruhe und Souverenität gut tut. Es gab Zeiten, da habe ich nach einem anderen Menschen für Stella gesucht, weil ich dachte, mit viel viel Zeit (so 2 Stunden täglich oder so) und dem richtigen Menschen könnte sie sich besser entfalten.

Aber dieser Mensch fand sich nicht und eigentlich wollte ich sie ja auch nicht weggeben. Zudem war ein Mensch mit Wirbelfraktur durch sie im Spital auch genug und es fühlte sich nicht gut an, nicht mehr entscheiden zu können, was wann mit ihr gemacht wird.

Auch Hufpfleger fliegen keine mehr durch die Gegend

Also blieb Stella bei uns und Lia machte Freiarbeit mit ihr auf der Weide und die Jahre zogen ins Land. Mittlerweile ist sie viel ruhiger und der Alltag bietet keine Probleme mehr – auch Hufpfleger fliegen keine mehr durch die Gegend. Sie geniesst es sehr, auf Ausritte mitzugehen und auch auf den Reitplatz kommt sie immerwieder gerne mit. Manchmal will sie auch nicht und dann lassen wir ihr ihren Wunsch.

Letzte Woche jedenfalls wollte sie ganz dezidiert mitgehen, Lia sagte, sie sei regelrecht am Tor geklebt. So war sie dann oben auf dem Reitplatz als ich kam und Lia mich fragte, ob ich Lust hätte, mit Stella wiedermal was zu machen. Au ja, ich hatte Lust.

Stella mag es gar nicht, am Kopf gehalten zu werden und weil ich von Röntgenbildern weiss, dass es bei den oberen Backenzähnen Veränderungen an den Zahnwurzeln gibt, die einmal sehr schmerzhaft gewesen sein müssen (noch in Italien, aber das ist wie gesagt eine lange Geschichte), wählte ich die Halslonge.

Anlehnung an der Halslonge

Stella ist im Grunde enorm kooperativ und sie zieht auch nicht, nicht mal wenn sie Angst hat. Ich hatte nach dem Erlebnis des Be-GReifens der Anlehnung mit Hawah und Tari den Impuls, Stella Anlehnung an der Halslonge anzubieten.

Und was soll ich sagen, sie war so dankbar dafür und hat es sehr gern angenommen. Sie konnte sich gut lösen und trotz Unruhe rundherum und einem wiehernden Nachbarhengst waren wir beide ganz beieinander.

Ich weiss nicht recht, wie ich das in Worte fassen soll, dieses unglaubliche Gefühl von Verbundenheit, die so eben auch körperlich da war.

Die innere Anlehnung, die ich Herzverbundenheit nenne, die haben Stella und ich meistens – aber DAS fühlte sich nochmals viel schöner an. Innen und Aussen stimmten überein.

Danach stand sie ganz ruhig und entspannt neben mir und in ihren Augen sah ich etwas wie „ah, das hat gut getan“.

Hier Stella mit Jasmin, einem der zahlreichen Menschen, die sich zu ihr hingezogen fühlen.

Niemand hatte mir je erklärt – oder ich hatte es nicht verstanden

Ich habe ab der 5. Klasse bis kurz vor der Matura meine gesamte Freizeit in einer in einer nicht sehr achtsamen Reitschule verbracht und da das Reiten mehr verlernt als gelernt, wie ich aus heutiger Sicht sagen würde. An den Zügeln wurde gezogen und manipuliert und das Pferd „an den Zügel zu stellen“ war mehr ein Kraftakt als dass es irgendetwas mit Anlehnung zu tun gehabt hätte.

Danach habe ich jahrelang am losen Zügel/an der losen Longe mit Pferden gearbeitet und bin dabei meine Automatismen losgeworden und habe viel über Einwirkung gelernt.

Aber Anlehnung, so wie ich sie jetzt erfahren habe, hat mir nie jemand erklärt, oder ich hab’s bisher einfach nicht verstanden. Jedenfalls ist das die Königsklasse. Ich habe den Eindruck, endlich zu verstehen, was damit immer schon gemeint war. Ursprünglich.

Es ist wie meine Hand irgendwo hinzulegen und dann mit allen Bewegungen mitzugehen. Nur dass ein Strick oder eine Longe oder ein Zügel die Verbindung von meiner Hand zu der Stelle bildet.

Es braucht meine vollste Präsenz, das hinzubekommen und das Pferd nicht anstossen, aber auch nicht ins Leere fallen zu lassen. Mit 2 Zügeln empfinde ich es als einfacher als mit einer Longe.

Jedenfalls fühlt es sich für mich an, als hätte ich ein lange fehlendes Puzzlesteinchen gefunden. Es ist so schön. Wenn ich dir den Begriff Anlehnung etwas näher bringen konnte, freut mich das noch mehr

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herzlich Deine Antoinette

Anlehnung mit Emeraude

Bilder von Jessica Freymark oder mir

P.S. Übrigens glaube ich, dass unser Lernweg immer etwas von einem Puzzle hat. Deshalb habe ich mit der Online-Akademie von Herzenssache Pferd etwas ins Leben gerufen für alle die, die gerne achtsam mit Pferd „puzzeln“. Aktuell geht es um Begegnung auf Augenhöhe mit Kati Westendorf von Equinality und darum, die Körperwahrnehmung des Pferdes zu verbessern mit Karolina Kardel von 360° Pferd. Mehr dazu kannst du hier finden: https://pferde-liebe.com/online-akademie-von-herzenssache-pferd/