Es war einmal ein kleines Pferdeherz. Obwohl es noch klein war hatte viel Zuneigung und Liebe Platz darin. Zuneigung zur Pferdemama, zur Welt und auch zu den Menschen. Offen und neugierig war das kleine Pferdeherz. Es schlug kräftig, hüpfte manchmal und bei grosser Aufregung pochte es wie wild.

Dem kleinen Pferdeherzen ging es gut, das Pferdekind in dem es schlug – nennen wir es Mira – war niedlich, übermütig und wohlgebaut. Ihre Züchter hegten Hoffnungen, dass aus Mira ein gutes Pferd werde, das sie gut verkaufen können. Das einzige, was das kleine Pferdeherz manchmal bekümmerte, war, dass seine Pferdemama oft abwesend wirkte, so in sich gekehrt. Aber vielleicht war das so mit erwachsenen Pferden? Das kratzte ein klein wenig am kleinen Pferdeherzen. Abgesehen davon war es damit beschäftigt, die Welt und sich selbst zu entdecken, neue Pferdefreunde zu finden und herumzuspringen. Bis zu dem Tag, von dem alle sagten, dass nun der Ernst des Lebens beginnen würde.

Mira war gewachsen und sollte nun ein Reitpferd werden. Ihre Mama hatte Mira schon lange nicht mehr gesehen, aber sie hatte andere Pferdefreunde gehabt, mit denen ihr nicht mehr so kleines Pferdeherz gemeinsam hatte schwingen, hüpfen und schlagen können.

Pferdeherzen, musst du wissen, fühlen sich dann wohl und sicher, wenn sie das tun können – gemeinsam sowas wie einen Herz-Akkord bilden. Denn dann bilden sie ein grosses Resonanzfeld, alle Herzfelder der Pferde gemeinsam. So wie wir uns im Wald, beim neudeutsch sogenannten „Waldbaden“ wohlfühle, so ist es auch in harmonischen Pferdegruppen. Darin fühlen sich die Pferde wohl und sicher und sie wissen, dass die Kommunikation in der Herde funktioniert. (Nebenbei bemerkt: auch wir Menschen fühlen das in harmonischen Pferdeherden, aber in dieser Geschichte hier geht’s um Mira.)

Neugierig, aber vorsichtig, erkundete Mira im neuen Stall die neue Umgebung und auch die neuen Menschen. Das nicht mehr so kleine Pferdeherz streckte vorsichtig seine Fühler aus, um Kontakt aufzunehmen. Und da war eine junge Frau, nennen wir sie Julia. Sie kam öfter und Mira’s nicht mehr so kleines Pferdeherz versuchte, mit Julias Herzfeld in Verbindung zu treten. (Ja, wir Menschen haben das auch, ist physikalisch messbar, ein elektromagnetisches Feld, aber das braucht man nicht zu wissen, um es wahrzunehmen). Und siehe da, es gelang immer wieder. Julia stand oft einen Moment bei ihr, bevor sie ihr das Halfter anzog, berührte sie sanft und fand Mira bezaubernd.

Da spürte Mira diese Verbindung und sie fühlte sich sicherer, auch wenn Julia kein Pferd sondern ein Mensch war. Julia schien sich auszukennen in dieser für Mira neuen Welt. Das grosse Pferdekind machte seine Sache gut, auch wenn in der Reithalle oft eine angespannte Stimmung herrschte. Da gab es gestresste Pferde und Menschen und weil sich das sehr unangenehm anfühlte, kam das nicht mehr so kleine Pferdeherz auch ein wenig in Aufruhr. Es fühlte sich nicht sicher an und Mira spürte, wie auch Julia ihr Herz eher verschloss. Julia konzentrierte sich immer mehr auf die Aufgaben, die Mira ausführen sollte, und auf Miras Körperhaltung. Ab und zu sagte jemand etwas zu Julia, und daraufhin wollte es die junge Frau noch richtiger machen.

Fast unbemerkt und langsam verschlossen sich Julia und Mira voreinander. Auch der Zauber des Anfangs war verflogen und Routine trat an seinen Platz. Routine kann Sicherheit geben, aber auch abstumpfen. Die Momente der Herzverbindung und der gemeinsamen Freude wurden immer weniger. Mira machte das unsicher und sie versuchte immer wieder, in eine Kommunikation mit Julia zu kommen. Denn sie wusste ja, dass das möglich war und sie mochte die junge Frau gern. Aber es gelang kaum noch.

Julia war abwesend auf dieser Ebene und selbst angespannt und mit vielen anderen Dingen als Mira beschäftigt. Es fühlte sich an, wie gegen eine Wand laufen und Mira verstand, dass sie nicht verstanden wurde, nicht andocken konnte und damit in der angespannten Stimmung in der Reithalle gefühlt selbst für ihre Sicherheit zuständig war. Für ein Herdentier beängstigend. Waren die alle im Fluchtmodus? Mira war immer noch „brav“, Schritt, Trab, Galopp, sie versuchte alles richtig zu machen.

Aber innerlich war sie überfordert und gestresst. Nicht wegen der körperlichen Anforderungen. Eines Tages fühlte es sich so schrecklich an, über ein Cavaletti zu gehen, dass Mira sich wehrte. Sie blieb stehen, der Druck wurde erhöht und Mira begann zu steigen. Nun bekam sie zum ersten Mal richtig auf die Kappe und schon bald gab sie auf und tat, was verlangt wurde. Der Striemen auf der Pobacke verheilte, aber der Glanz verschwand aus Miras Augen, das gar nicht mehr kleine Pferdeherz zog seine Fühler ein und schuf sich ein Schneckenhäuschen. So ein Pferdeherz, musst du wissen, ist empfindlich und wenn es sich in sein Schneckenhaus zurückzieht, nimmt es die Freude, die Neugier, die Anmut und oft auch den Widerstand, einfach mit.

Mira funktionierte, Julia war zufrieden, die Züchter waren zufrieden, der Stallbetreiber auch und das brave junge Pferd wurde zum Verkauf angeboten. By the way, der Glanz in Julias Augen war ebenfalls verloren gegangen, auch das fiel niemandem wirklich auf.

Es kam eine Frau mittleren Alters, nennen wir sie Maria, die noch nicht so viel Pferderfahrung hatte, sich aber ihren Jugendtraum erfüllen wollte. Die brave Dunkelfuchsstute gefiel ihr. Maria schien einige seltsame Ansichten über Pferde zu haben, was pferdegerechte Haltung und Aubildung anging, aber egal, sie zahlte den verlangten Preis und Mira zog wieder um.

Mira fühlte sich bald wohl und fand wieder neue Pferdefreunde, mit denen ihr Herz wieder gemeinsam schwingen, schlagen und pochen konnte.

Ihre Neugier kehrte zurück – nur ein Punkt blieb für Mira schwierig. Sie hatte auf Menschen keine Lust mehr. Denn sie hatte ja erfahren, dass Menschen da irgendwie komisch sind und sie nicht wirklich verstehen.

Das machte Maria traurig, denn für sie war Mira eine Kameradin, eine Freundin im Pferdekörper und es fühlte sich nicht gut an so. Mira liess zwar alles mit sich geschehen, aber innerlich war sie irgendwie abwesend. So hatte sie sich das Leben mit ihrem Pferd nicht vorgestellt.

Zum Glück war Maria eine Frau, die zwar noch nicht rasend viel Pferdeerfahrung hatte, aber dafür hatte sie sich bereits mit sich, ihrem Herzen und mit Beziehungen befasst. Deswegen stellte sie – trotz der komischen Blicke der Stallkameradinnen – dieses Thema ins Zentrum ihrer Aufmerksamkeit. Und siehe da, Mira begann, zart die Fühler ihres Herzens auch Menschen gegenüber wieder auszustrecken.

Mira stellte fest, dass sie ihr Schneckenhaus wieder verlassen konnte und begann sich zu freuen, wenn Maria und sie gemeinsam etwas unternahmen. Und Maria war glücklich und vergass sehr sehr selten, auf ihr Herz und ihre Herzverbindung zu achten.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann tummeln sie sich glücklich irgendwo da draussen.

Das war die sehr unspektakuläre Geschichte des kleinen Pferdeherzens, denn ausser Maria wird kaum jemand bemerkt haben, dass es da überhaupt eine Geschichte gab. Ich habe absichtlich die positive Wendung in der Geschichte gewählt, die leider noch nicht sooo häufig ist. Aber das soll sich ändern.

Falls dich das Thema interessiert, in meinem Online-Kurs zu dem Thema gibts konkretes Wissen und Übungsanleitungen dazu.

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Viel Freude mit deinem Pferd – und vergiss nicht das Herz, mach es wie Maria.

Herzlich

Antoinette