Es gibt ja viele verschiedene Abstufungen von „achtsam“ sein. Und was wirklich fair zum Pferd oder „Pro Pferd“ ist, definiert wohl auch jeder anders. 

Der Moment, bei dem ich mich zum ersten Mal vom klassischen Umgang mit dem Pferd entfernte, war, als ich Silke Vallentin auf einer Messe sah. Nachdem ich den halben Tag heruntergeriegelte und gequält schauende Pferde gesehen hatte, brachte Silke eine unglaubliche Freude und spielerische Leichtigkeit in die Halle und faszinierte mich so sehr, dass ich wenige Monate später auf meinem ersten Natural Horsemanship Seminar war. Und zwar extra mit Leihpferd, weil ich nicht sicher war ob „so etwas“ auch was für mich war. 😉

Dieser Kurs veränderte meinen Umgang bis heute maßgeblich. Auch wenn ich heute nicht mehr alles gut finde, was im Natural Horsemanship gelehrt wird und vor allem, wie es leidepr häufig missverstanden angewendet wird, beruht vieles, was ich heute tue immer noch auf diesen Prinzipien. 

Das ist jetzt 10 Jahre her und in diesen 10 Jahren gab es viele Auf und Ab´s und Hin und Her´s. Lernen verläuft eben nie gradlinig, erst recht nicht im Umgang mit Pferden.

Mein Islandpferd Eldur begleitete mich mein halbes Leben.

Als ich bereits einige Jahre auf diesem alternativen Weg war, begriff ich, dass es doch immer noch darum ging, das Pferd dazu zu bringen zu „funktionieren“. Ein „Nein“ in ein „Ja“ umzuwandeln… Zwar achtete ich viel mehr auf die Bedürfnisse meines Pferdes, konnte ihn besser lesen und verstand ihn besser. Ich wusste bereits, dass er mir mindestens genauso viel beibrachte wie ich ihm… 

Gleichzeitig war ich nicht bereit mir wirklich und wahrhaftig die vielleicht wichtigste Frage zu stellen:

„Hat mein Pferd genauso viel Freude an mir, wie ich an ihm?“

Eldurs Mimik spricht Bände… er macht zwar mit, aber ohne Freude. Damals konnte oder wollte ich das noch nicht sehen.

Ein Tag im Sommer 2017 veränderte dann vieles… an diesem Tag verlor ich mein geliebtes Seelenpferd fast an eine Kolik. Weinend saß ich auf dem asphaltierten Putzplatz neben meinem liegenden Pferd, das nicht mehr aufstehen wollte. In der halben Stunde bis endlich der Tierarzt kam, war ich mir so gut wie sicher, dass ich ihn an diesem Tag verlieren würde…

Doch Eldur überlebte. Und von diesem Tag an fragte ich mich immer wieder:

„Warum tue ich eigentlich was ich mit ihm mache?“

Und vor allem „Hat er denn auch Spaß daran?“

Mein einziger Wunsch war seitdem nur noch eine wundervolle Zeit mit meinem geliebten Herzenspferd zu verbringen. Ich wollte, dass wir BEIDE jede gemeinsame Minute miteinander genossen. 

Anfangs bedeutete das, dass ich fast nur noch mit ihm grasen ging und stundenlang bei ihm auf dem Paddock saß. Das genossen wir beide sehr! Es ist unglaublich entspannend und tut der gemeinsamen Beziehung auf jeden Fall enorm gut!

Trotzdem begann ich nach und nach auch wieder Bodenarbeitmit ihm zu machen. Doch von nun an schaute ich ihm dabei wirklich in die Augen und achtete darauf, was ihm Spaß machte. 

Wann war er motiviert mit leuchtenden Augen und gespitzten Ohren bei der Sache? 

Und wann ließ er sich eher bitten oder zeigte ganz deutlich seinen Unmut? 

Wir fanden Arten der Bodenarbeit, die uns beiden Spaß machte. Unter anderem gingen wir auf „Abenteuersuche“ über den Hof. Meistens spielten wir eine Art „Topfschlagen“… ich suchte mir einen Gegenstand aus und schickte Eldur aus verschiedenen Führpositionen heraus zu diesem Gegenstand hin, den er dann mit der Nase bzw. wahlweise auch mit einem Huf berühren sollte. Eldur fand dieses Spiel unglaublich cool, da es keine große körperliche Anstrengung bedeutete und er sehr neugierig war. 😉

Bodenarbeit im Dialog auf Augenhöhe – so macht es Pferd und Mensch Spaß! (Fotos © Claudia Grumm)

Beim Longieren zeigte er mir deutlich, dass er nicht „gymnastiziert“ oder „gearbeitet“ werden will, aber durchaus bereit ist motiviert mitzumachen, wenn ich ihm damit helfen will sich besser zu fühlen. Das war eine reine Einstellungssache und machte einen enormen Unterschied aus!

Auch das Reiten baute ich komplett neu auf. Er durfte jeden Schritt mitentscheiden und dass er wochenlang „Nein“ zum Reitpad und damit allgemein zum Reiten sagte, war völlig okay. Ich wollte eine schöne Zeit mit ihm verbringen – egal ob vom Boden oder vom Sattel aus. Und als ich ihm das oft genug bewiesen hatte, machte er mir schließlich auch das Geschenk, dass er mich wieder reiten ließ! Und das war ein unglaublich schönes Gefühl! Wenn das Pferd wirklich „Ja“ zum Reiten sagt und dich stolz auf dem Rücken trägt und mit ganzem Herzen dabei ist… das ist ein unglaubliches Gefühl!:D

Eldur mit Spaß und Lebensfreude beim freien Spielen (Foto © Claudia Grumm)

Fazit:

Es gibt nicht den einen Weg mit Pferden – jeder von uns ist anders, jedes Pferd ebenfalls und somit ist auch jedes Pferd-Mensch-Team absolut einzigartig. Was ich dir mit meinem kleinen Beitrag allerdings mitgeben möchte:

Frage dich was du mit deinem Pferd tun willst und warum! 

Schau genau hin und frage dich, ob dein Pferd auch Freude daran hat? 

Es muss nicht immer die unmittelbare Freude sein. Zum Beispiel kann es auch mal sein, dass wir ähnlich wie bei Krankengymnastik oder Physiotherapie bei uns Menschen, dem Pferd helfen können sich besser zu fühlen. Auch wenn es da vielleicht erstmal nicht so viel Spaß daran hat.

Wenn du aber feststellst, dass dein Pferd überhaupt keinen Spaß an der Sache hat und es auch nicht gesundheitlich nötig ist, was du tun willst… dann überlege, was du verändern kannst! Manchmal hilft schon eine andere Herangehensweise, mehr Lob, mehr Klarheit oder eine andere Einstellung, damit das Pferd mit mehr Freude dabei ist. 

Und bitte verurteile dich nicht, wenn mal etwas nicht so gut gelaufen ist! Wir sind alle nur Menschen und wir lernen aus Fehlern. Akzeptiere, dass es nun mal so war und dann reflektiere was du beim nächsten Mal besser machen könntest. 🙂

Mehr über Jessica Freymark, die ihren neu gefundenen Grundsatz auch in ihrer Pferdefotografie umsetzt, findest du hier: https://jessica-freymark.de/

Ich wünsche dir ganz viel Spaß mit deinem Pferd!

Liebe Grüße,

Deine Jessica